Chroniken der Infektion [Was im VoralpenExpr. passiert, bleibt im VX]


She disgusts me in ways I don't even understand yet...yet!

Der Infizierte hatte sich erst kürzlich vorgenommen, dass er das Zeitgeschen nicht mehr kommentieren, nachlesen oder sonstwie beachten würde, da ihm die ewige Wiederholung von negativ Schlagzeilen, Politischer Tragi-komödie und Celebrity Dünschiss nun doch endlich zu viel wurde. Terminal1 unerträglich, versuchte er sich einzureden.


Der Infizierte hatte sich allerdings getäuscht oder das Weltgeschehen unterschätzt oder die Virulenz mit der das mediale Einerlei immer wieder seinen Verstand zu Durchsetzen vermag nicht richtig verstanden. Das Versprechen, welches er sich selber gegeben hatte, ohne dass es jemand gehört hätte, ohne dass ihn jemand zur Rechenschaft ziehen könnte, musste wieder gebrochen werden. Am 3. Mai Anno Non-Domini 2010 war er wieder fest im Griffe des Fiebers aller weltlichen Absurditäten.

Elli, welli, sölli näh?


Zuerst mal ist da das petrochemische Fiasko im Golf von Mexiko, welches sich auf sogar Excel-grafisch unbegreifbare Proportionen auszuweiten scheint: ein gewisser K. Salazar spricht von bis zu 15.9 Millionen ausfliessenden Litern pro Tag. Die genaue Zahl spielt keine Rolle, der Teppich ist schon ein Drittel so gross wie Schweiz…. wie viele Millionen Afgahnische Mädchen es wohl brauchen würde einen solchen Teppich aus Stoff zu nähen? Tragödien lassen sich am besten durch andere Tragödien annäheren, bleiben aber schlussendlich immer strikte sui generis, eine Sache für sich. Die verschiedenen betroffen Spezies und wie sie verenden werden, werden im Blättlein minutiös beschrieben; lobenswert, dieser unerwartete Appell an inter-spezies Empathie, wenn auch dann abends halt trotzdem ein totes Stück Kuh auf den Tisch kommt. Obama, die angebliche Wiedergeburt von JFK (wobei niemand auch nur ungefähr weiss, was denn das genau bedeuten könnte), dieser präsidentielle Messiahs der sogar der pessimistischen Wenigkeit des Infizierten wieder etwas verbläute Hoffnung einhauchte, vertritt aber wacker weiterhin den Standpunkt, dass Off-Shore Drilling auf Grund einer Katastrophe nicht gleich verworfen werden dürfe. Ok.

Der Grund aber, weshalb der Infizierte von dem Ganzen nicht nur angewidert sondern auch verstörend fasziniert ist, ist dass für ihn zeitlebens «Exxon Valdez» die ultimative Öl-Katastrophe war, ein Rekord für die Ewigkeit wie Powell’s Weitsprung in Tokyo. «Exxon Valdez» ein bedrohlich geflügeltes Wort für die Sorglosigkeit und Unbelehrbarkeit der Menschen der Natur gegenüber. In den selben horrenden Sphären schwebend wie Tschernobyl, Katastrophen für die Ewigkeit. Aber jetzt das, BP im Golf von Mexiko und, möglicherweise, ein neuer Begriff im Kalamitäten Vokabular, denn ominös genug wäre er alle mal: «Deepwater Horizon». Ein Horizont den mal wohl besser nicht überschritten hätte und von dem den Südstaaten der USA und Mexiko nun dunkle Wolken entgegenquellen werden, wie man sie noch nie gesehen hat: klebrig, tödlich, die Nahrungskette auf Generationen hinaus verpestilenzierend.

Der Infizierte spürt es, die Faszination einer kränkelnden, Kotzbrocken-hoch-hustenden Welt wird ihn wohl so schnell nicht loslassen.

Dann wird der Wirkungsbereich und Intensitätsgrad wieder hinuntergeschraubt aufs Level des Persönlichen. Und bei den heutigen KoMedien ist das Persönliche dann auch meist äquivalent mit Celebrities. Der verstorbene King of Pop, post-Mortem in höchste Höhen hochgejubelt als könne man sich als Leser auf Grund dessen Todes nicht mehr an die mediale Schwarzmalerei erinnern, welche die letzten Jahre bestimmt hatte, wartet immer noch mit tollsten Überraschungen auf. [Schwarzmalerei und White-Wash, treffende Begriffe im Zusammenhang mit MJ.] Der Infizierte wünscht sich in seinem schwulen-freundlichen Herzen, dass sie stimmt, diese Enthüllung: Der füllige Arzthelfer Jason Pfeiffer [mit einem Crew-Cut mit dem er gleich bei den Marines einsteigen könnte, einer Komplexion die ihn an die Kaukasen des Mittleren Westens erinnert], dieser anderthalb Zentner Mensch soll der Geliebte von Jacko gewesen sein. Nicht sein Schimpanse Bubbles, nicht Macaulay Culkin, nein Jason Pfeiffer soll zärtlichst mit dem K.o.P herumgepopt haben und ist dementsprechend einer von wenigen leuten (Lisa Marie Prestley, Debbie Row kommen in den Sinn), der bestättigen kann ob und wieso er diesen Titel verdient hat. Der Infizierte muss sich das einfach vorstellen: der zierliche, kleine Michael, Locken nach hinten geworfen, tief über den Arzttisch gebeugt, dahinter die teigig-rötlich-haarige Masse des Jason Pfeiffer, zum Schluss ein schrilles «Auuuuuuuuuuuuuuuuuuuu!» Der obligate Griff in den Schritt.

“]

Ladies&Gents: Jason Pfeiffer, not 2 b confused w/ J. Mraz

Unterhaltsam absurd, man müsste dazu simultan eine Einspielung der Gesichter seiner Fans sehen, das wäre sowas von unbezahlbar. Und nicht zu vergessen: mit Kindern hatte er auch einst im Bett gelegen (wenn auch wahrscheinlich eher auf harmlose Weise), Naomi Campbell auch mal geküsst… man wünschte sich fast der Mann hätte etwas zur Plastizität der menschlichen Sexualität geschrieben.

[Zwischendurch, schon fast eine Randbemerkung, sieht man LBJ23 auf Seite 16 mit der MVP Trophäe und nebenan sein «Vogue» Cover von 2008. Wer sich um den Award einen Dreck schert, kann sich immer noch das Hirn raufen, wenn sie liest, dass der liebe LeBron doch tatsächlich nach geschlagen&gepeitschten 116Jahren (!!!) der erste AfricanAmerican ist, der es aufs Cover dieses Gagazins geschafft hat. Manchmal wollen einem Rassen-, Klassen-, Geschlechter- und Altersdiskriminierung mit hoffnungszermürbender Direktheit klar machen, dass es sie immer geben wird.]

The Botox and the 'Bron

Die Streetstyle Box ist in dieser speziell gelungenen Ausgabe des Blick am Abend, dann bloss noch das absurdistanische Sahnehäubchen auf der Sinnlosigkeitstorte. Ein neuer Rekord, eine Zahl so gross, dass man sie mit besinnungsloser Befriedigung zur Kenntnis nimmt: 7830. Für so viele Franken hat sich die adrette Verity aus Toronto, blondgeschopfte Stylistin, eingekleidet nach einem «beruflich erfolgreichem Jahr». Wahrhaftig erfolgreich muss man denken. Also gibt sich der Infizierte die Kostenpunkte: Jacke 1820.-, Tasche 3235.- (Chanel…ihm fallen Kolleginnen ein denen die Augäpfel vor Neid wohl bersten würden) und Schuhe für läppische 2150.- Positiv fällt ihm auf, dass das Outfit eigentlich noch gut passt, auch wenn ihm drei seiner eigenen Löhne nicht dazu gereichen würden.

Befriedet legt er das Blatt fort, fragt sich wieso das alles so stimmig scheint. Wahrscheinlich weil diese Ausgabe die eigentliche Aufgabe so gut erfüllt hat: Katastrophe, Spektakel, Exzess bis in die Exosphäre des Absurden, so dass man die tragische Realität dahinter (hinter den Zahlen und Bildlein) schon fast nicht mehr erkennen kann. Oder zumindest sich nicht angewiesen sieht, sie ernst zu nehmen. In diesem Sinne also die Bestättigung eines lebenserhaltenden Zynismus, ein weiteres Paradox von dem man leicht glauben kann, dass man ohne es den Alltag nicht überstehen könnte. Kann man für solch banale Gedanken erhängt werden? Für deren Niederschrift? Sollte er sich nicht wenigstens ein Minimum an Mühe geben, sogar in diesen abgefuckten Zeiten?


Der Infizierte muss sich etwas neues vornehmen. Was bloss? Dass er die bunten Seiten vom 03. Mai 2010, diesem numerisch unvergesslichen Tag, im Altpapier entsorgt. Schon nur des guten/schlechten Gewissen wegens. Durch das Recyclieren von gebrauchtem Papier tragen wir nämlich dazu bei, dass auch die kommenden Generationen junger Pendler noch gratis Tageszeitungen lesen werden können.


1Pauschalisierend zusammengefasst hätte er so etwas gesagt wie: die Menschheit lernt nichts aus der Geschichte oder sie lernt die falschen Lektionen oder die zivilisationelle Lernkurve in Sachen Selbsterhaltung ist zu flach. Eine ergänzende Platitüde wäre dann: man lernt erst etwas aus der vollständigen Katastrophe, aus der kreativen Zerstörung. Aber auch dies dürfte mit Rückblick auf das Intervall zwischen erstem und zweitem Weltkrieg stark bezweifelt werden. Analyse ruft unweigerlich Generalisierungen auf den Plan, welche unausweichlich, unertragbar trivial daherkommen, findet der Infizierte und so ist man doch in den durchdachten Details der Fiktion, die gekonnter mit Realität spielen können, besser aufgehoben. Vielleicht.

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One Response to Chroniken der Infektion [Was im VoralpenExpr. passiert, bleibt im VX]

  1. nomsa says:

    themba
    nach einer halben ewigkeit hab ich in meiner lernpause mal wieder was von dir gelesen (letzter blog eintrag). ich fands recht unterhaltsam. war schon ziemlich klischiert (obwohl ich ja weiss, dass es absicht war und es ja auch darum ging, aber du weisst was ich meine), meinst du nicht?
    welchen blogeintrag empfiehlst du mir am allermeisten?
    kussi
    n

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