Chroniken der Infektion [teil x, meldungen aus der misere]


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Er ist in den letzten zwei Wochen weit umher gereist. Alles im dienste der re-integration in den Mehrwertszyklus. Eine sogenannte hauptstadt [aber sicherlich keine metropole] im westen und ein nest im osten, im fernen osten könnte man schreiben.  Der erste ort schien schwer in ordnung, will heissen, all seine beruflichen erwartungen wären fast perfekt erfüllt worden. Abgesehen vom lohn. Es scheint das heutzutage lohn keine so wichtige rolle mehr spielt, zumindest für leute aus dem präkariat; der lohn ist in dem sinne eine angelegenheit des goodwills des arbeitgebers. Man wird zugeteilt in eine angestellten-sparte: praktikant, volontär, teilzeit-mitarbeiter. Dann zieht der interviewende, der zum vorstellungsgespräch eingeladen habende, irgendeine zahl an den haaren herbei und behauptet, dies sei jetzt der standard. In dem sinne ist es gut über die zahlen auf dem laufenden zu sein. Schade ist dann jeweils nur, dass man sie nicht erwähnen sollte wenn man sich die aussicht auf eben jene stelle bewahren soll.


Wie erwähnt, die stelle schien ideal, abgesehen vom minimallohn. Man muss dann halt selber schauen: verwandtenkreis, rav, familie. Die soziologen, findiges völklein, haben dafür einen schönen begriff gefunden: die sozialisierung der kosten des arbeitsmarktes. Die soziologen sind zufrieden, wenn alles irgendwie immer einen touch des sozialen hat; dies rechtfertigt ihre existenz, dies oder die lachhaften studien, deren unterhaltungswert nicht bestritten werden kann. Soziologen.


Obwohl 3,6 für 100% ist doch nicht so übel. Es gab auch schon 2 und 1,2 und gar nichts. Da hat man sich doch nicht zu beklagen, da soll man doch nicht zu hause auf der faulen haut rumliegen, sondern jubilieren und sich für zwei, drei, vier monate ins zeug legen. Dafür gibt’s dann auch, wenn man nett und oft genug fragt, eine arbeitsbestättigung.


Ja, diesen job hätte er als beinah ideal empfunden. Es wurde auch stark angedeutet er habe eine gute chance auf den posten…er werde nächste woche informiert. Seine lohnvorstellungen wurden zur sicherheit auch noch abgefragt und man hatte die höflichkeit nicht von „lohnfantasien“ zu reden. Alles weitere nur noch ein paar illustrierende beschreibungen des arbeitsalltages: u.a. dass sie sich das rauchen nicht verkneifen könne, man sei zu zweit im büro, sie würde eigentlich gerne weiterhin dort rauchen ohne die beschwerlichen drei stöcke hinuntergehen zu müssen. Ob das ein problem sei? Ihr kollege der auch beim interview dabei ist schaut sie an, als ob er ihr den kopf absäbeln möchte. Ob das für ihn so i.O. sei? Er macht es ganz bewusst, die gute miene zum bösen spiel, dabei möchte er fragen „Ob was genau kein problem ist?“ Abends wie eine zigi zu stinken, das aufzwingen von schlechter luft & einer noch schlechteren angewohnheit oder die lungenkrebsgefahr vom „second-hand“ smoke? Die frage ist so unmöglich, dass ihm eigentlich gleich wieder zweifel am job aufkommen. Egal, er braucht jetzt was um zu beginnen.


Der Anruf lässt auf sich warten. Schlussendlich muss er in der nächsten woche selber anrufen, war ja nicht verbindlich. Am telefon wird plötzlich gezögert und ausgewichen auf was im gespräch als zweit option verwiesen wurde, nämlich die freie mitarbeit. Das budget sei auch beschränkt: zweitausend. Man sei angewiesen auf sein thematisches fachwissen in einem gewissen gebiet, seine verbindungen, aber mehr könne man leider nicht aufbringen. Eigentlich will er ihnen sagen, dass sie zum teufel gehen sollen, aber die notlage und erziehung verbieten es leider. Des weiteren ist in betracht zu ziehen: es ist ein arbeitsgeber markt. Das heisst, der arbeitsgeber kann sich nehmen, was er oder sie gerade will. Das heisst wer mehr als 0 Franken verdient, hat froh zu sein und die fresse zu halten.


Er fragt sich, Der Infizierte fragt sich, wann es je einen Arbeitsnehmer markt gegeben hat? Als es weniger als 0% arbeitslose gab? Wann war das? Lässt sich das kapitalistische system solche zustände gefallen? Kapitalismus….das klingt so unendlich ausgelaugt. Als system kann es ja fast nicht mehr wahr genommen werden, nur noch als realität und also als unveränderlich. Der Infizierte kommt nicht über den eindruck hinweg, er sei in eine ganz krude zeit hineingeboren worden; aber diese gefühl hatte man wahrscheinlich zu allen zeiten, zumindest solange es menschen und gesellschaften gab.


Das zweite jobinterview ist ebenfalls in dieser angeblichen metropole. Das ziel scheint dem Infizierten ein reisefieber anzuhängen. Die landschaft inspiriert aber nicht dazu: sie ist öde, ausgehungert,  winterlich. Fetzen von schnee bedecken ab und an die felder, welche sich in die flachheit des landes hinaus erstrecken. Einzelne höfe, aber viel zu häufig, als das es wirklich ein ertragreiches bauern sein könnte, viel zu wenig „economies of scale“. Aber ein drittklassiger exporteur zu sein, das war nie des kleinen, frechen landes bestimmtes schicksal. Auf einer langen gerade beschleunigt der zug dann aufs maximum, um die 200 oder mehr, da alles so pfeilgerade. Man kann sich gut vorstellen, wie stolz gewisse leute auf dieses rasante tempo sein dürften; sie verdrängen dann jeweils gedanken an den TGV, ICE und die weissen pfeilkompositionen entlang der Ostküste von China. Wir sind dafür immer pünktlich oder waren es zumindest mal.


Er wird begrüsst von einem jungen, strahlenden Ding. Zu ihnen gesellen sich zwei weitere junge dinger, nicht ganz so strahlend, aber auch nicht gerade matt oder ohne. Zu dritt also soll er befragt werden. Für sich selbst denkt er „Boah, was für eine stelle!“. Beinahe stellt er sich den lohn vor, sieht dann aber vorsichtig davon ab. Man entschärft die situation, erklärt wieso sechs augen und drei münder zugegen sind, die bedeutsamkeit der stelle. Es wird sehr lange erklärt, was gut ist für Den Infizierten, er braucht sich selber nicht zu erklären, muss nicht seine hohe temperatur cachieren.


Er fragt sich ob man ihm ansieht, in den augen vielleicht, wie krank ihn die gegenwärtige realität macht und dass es seinem system immer noch nicht gelungen ist, die nötigen antikörper zu produzieren. Stattdessen muss er die ganze misere ausschwitzen und dass dann auch noch auf einem lachhaft symbolischen level: er schreibt, das einzige was bei einer derartigen infektion nachhaltig helfen kann. Es könnte sogar anderen leuten helfen in zukunft gleichartigen infektionsherden aus dem weg zu gehen. Er weiss es schlicht und ergreifend nicht, aber besser das als gar nichts und besser gar nichts als so zu leben und zu atmen und zu scheissen wie die anderen.


Der Infizierte greift sich an die Stirn und rekapituliert erneut einen remix seiner letzten fünf jahre, dieses mal genau massgeschneidert an den gegenwärtigen job. Im sinne von: alles was ich die letzten 5x365d getan habe, hatte als absolut logische konsequenz, dass er heute vor euch drei jungen, strahlenden dingern dieses autobiografische recital wiedergeben würde; besten dank. Auch diese stelle erweckt den eindruck eines proto-traumjobs [abgesehen vom lohn], aber Der Infizierte bemerkt relativ früh, dass etwas nicht stimmen kann. Dass das zuggeld eventuell eine fehlinvestition darstellt. Es fallen wiederholt andeutungen über das pensum, ohne, dass man je spezifisch wird. Was als wichtiger hervorgehoben wird scheint, implizit, der strahlgrad der verschiendeen lächeln und die erklärung meiner professionellen existenz im rahmen der zu besetzenden stelle. OK. Olles Korrekt. Zum abschluss wagt er dann doch noch nachzufragen: statt einer prozentzahl, die weniger als 5 sein würde, weißt man auf zwei bis drei artikel (im best case scenario) hin oder vertröstet. Er will jetzt sagen, dass er diese strecken von X nach Y nicht zum spass reist und dass sie auch nicht gratis sind, die reisen, aber er verzichtet, weil er ihn direkt hinter sich spürt, mit einem roughen knüppel in der hand: der brutale arbeitsmarkt.


Er tut einen inneren seufzer, eine kunst die er in letzter zeit geradezu perfektioniert hat. Der Infizierte muss sich allerdings auch fragen, ob die inneren seufzer seinen gesundheitszustand nicht noch weiter schädigen. Er würde gerne seinen hausarzt fragen, aber so kompetent der auch ist, darüber wüsste er wahrscheinlich nicht unbedingt bescheid. Zumindest macht sein titel keine andeutungen auf eine fachausbildung in existenziellen & literarischen leiden. Die frage wäre wahrscheinlich eher, ob diese real existieren.



Der Infizierte nimmt sich vor, in Zukunft konsequent das pensum zu erfragen, auch wenn dieses auf der ausschreibung als adäquat angegeben wird.


Wenn er genug hat und es ihm verleidet, erinnert er sich daran, dass absurde & amoralische verschwendung eine herkömmliche, zeitgenössische praxis sind, der er sich zu unterwerfen hat, falls es gilt sich wieder zu integrieren. In den Mehrwertkörper, ins Volk, die leidensgemeinschaft der immunen, ins Gros der Nein-Sager und- Stimmer. Der gedanke der integration ist für ihn deshalb ein schöner, weil er bedeutet, dass er vielleicht wieder andere Infizierte kennenlernen könnte. Es liegt ihm relativ viel am freien austausch von absurditäten und antikörper. Falls er aber sterben sollte, dann ist dies auch nicht weiter schlimm, damit wäre zumindest die gefahr einer pandemie mit ziemlicher sicherheit abgewendet.


Dann wird der Infizierte ganz still. Das fieber scheint sich vorübergehend abgesenkt zu haben. Hätte er ein leben, er würde sich nun vorläufig diesem widmen.

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