“Schweiz, be ruhig!” [Der Infizierte macht sich so seine gedanken]


© Wir sind in diesem Land nur noch beschäftigt mit der Verteidigung unseres Reichtums – das heisst, wir sind nur noch damit beschäftigt, den dauernden Beweis zu erbringen, wie schwer wir selbst es haben. Wir sind ein Land von Reichen geworden, in dem sich bald jeder einzelne verhält wie die Reichen – unabhängig davon, ob er es selbst ist oder nicht.

Ich rede nicht vom Klassenkampf. Er wäre unter diesen Bedingungen lächerlich. Ich rede hier nicht vom Kampf gegen die Reichen. Sondern ich rede von all diesen Einzelkämpfern, die nichts anderes im Sinne haben als Reichtum. Ich rede vom Virus Reichtum, der in uns allen drinstecket, der uns alle entsolidarisiert […] ©

– P. Bichsel, Des Schweizers Schweiz, p.63

Der Infizierte liest den Tagi, nicht in papierform, nein, weiss gott, die zeiten sind vorbei, sondern auf dem bildschirm seines laptopes. Es steht da geschrieben „Schweiz, gib Ruhe“. Der satz fährt dem Infizierten sozusagen durch mark und bein. Nicht weil er einmal mehr bemerkt, dass das fieber der welt ihn nach wie vor erhitzt, sondern weil es scheint, dass ein gedanke aus seinem kopf verpflanzt und als „Headline“ gesetzt wurde. Er spürt: dieser artikel sollte von mir sein  ~  er fühlt sich ausgelassen, bemerkt aber im selben moment, dass das nichts zur sache hat. Es geht um die schweiz, gebenedeites mutterland, ihr selbstbild und die fremdwahrnehmung[1], die so arg auseinanderklaffen, dass man in den spalt dazwischen zwei oder drei mal die realen zustände hineinstopfen könnte.


Das selbstbild ist seit fünf jahrzehnten oder noch länger unbeirrt: wir sind die vorzeigedemokratie, wir sind der modellmässige rechtsstaat, wir sind die guten. Jenen, die es nicht passt, die müssen ja nicht hier her kommen, die können ja wieder gehen. Der liebe herr Bichsel brachte das schon vor ewigkeiten auf den punkt:


© Der Krieg hat unser Selbstbewusstsein gestärkt. Dass wir verschont wurden, beweist sozusagen alles, was wir bewiesen haben wollen: die Kraft unserer Armee, unsere Redlichkeit, die Stärke des Staates, die Demokratie und die Gottgefälligkeit unseres Landes. ©


Was aber die andeutung auf den landesverweis anbelangt, sollte man an dieser selbstsicht auch nur einen funken kritik üben, gilt es festzustellen: schwierig ist es nicht diesen rot-weissen flecken zu verlassen, fünf schritte nach rechts und man kann sich über Sarkozy nerven, drei schritte nach oben und man darf (angeblich) über die steuern abfluchen, etc. Aber ob damit einem ländlein, welches mit tourismus&gastarbeitern relativ gut gefahren ist wirklich geholfen ist, bleibt doch fraglich. Noch bedenklicher wäre die ganze sache, wenn das geld den leuten folgen würde, zurück über den grossen teich oder zu den Deutschen im norden. Von dort kommt der ursprüngliche satz nämlich, so der Tagi eindeutig:


©«Schweiz, gib Ruhe», schimpfte ein Leser auf der Website der ARD. ©


Der Infizierte verspürt etwas von dem er sich nicht ganz sicher ist, was es ist ~ allerdings weiss er: ohne innenwelt kann ich die aussenwelt nicht verstehen. Introspektiv grübelt er also nach und kommt zum schluss: es ist ihm peinliCH. Die empfindung ist deshalb seltsam, weil dem Infizierten nationalstaatliche Identifikation und jegliche anderen anflüge von patriotismus prinzipiell am arsch vorbei segeln. Er ist sich selbst und mehr könnte er, so sehr er sich auch anstrengte, nie sein.


Es ist nicht so, dass er die vorzüge des sozialstaates nicht zu schätzen weiss[2], sondern, weil er sich immer relativ akut bewusst ist, dass dessen früchte historisch und gegenwartsgeschichtlich nicht nur auf diesem boden gewachsen sind. Das ganze schreit nach einem buch, aber der Infizierte will bloss ein kleines meinungsstück. Anyway. Eine zwanghafte einverleibung in den helvetischen gesamtkörper oder einem anderen millionen-starken “Wir [hier]” erscheint dem Infizierten denktechnisch nutzlos. Und emotional absurd. Aber jetzt plötzlich wo einer sagt “Schweiz, gib Ruhe”, fühlt er sich doch peinlich betroffen, identifiziert sich teilweise mit dem kläffer in der mitte Europas.


Womit wir bei einem der fremdbilder angelangt wären: ein kläffer, vielleicht noch besser, ein papiertiger, der sich in den letzten jahrzehnten stets als finanzielles alphatier behaupten konnte. Aber wieso? Fragt sich der Infizierte. Wieso hat sich nie einer der grossen nachbarsstaaten eine herz gefasst und den kläffer-tiger-hybriden in seine schranken verwiesen? Waren denn die realpolitischen umstände so komplex, dass solche ein unilateraler denkzettel schlicht unmöglich war. Der Infizierte vermutet anderes: u.a. evt. dass der Filz nicht nur ein rein helvetisches Phänomen ist. Kaspar Surber gibt ihm recht:


© Was in anderen Ländern tiefer Staat heisst, militärisch-industrieller Komplex oder gleich Mafia, hat in der Schweiz einen kurzen Namen: Filz. Bei uns fliegen keine Kugeln, hier werden Früchtekörbe überreicht. ©


Oder nochmals anders formuliert: weder den US noch den DE politikern war viel daran gelegen die geldgeber ihrer wahlkampagnen durch steuerparadies-entzug zu verärgern….bis zu jenem zeitpunkt an dem die finanzkrise den filz selektiv verdichtet und aufgelockert hat, und den politischen marionetten plötzlich etwas mehr faden gönnt: Wir haben euch steuermilliarden geschenkt, ihr solltet auch ein wenig steuern zahlen!


Dass nun aber bundesrat & Co. weiterhin so verbissen auf der abstraktion des rechtsstaates und dem doppel-besteuerungsabkommen herumreiten, ja sogar die chuzpe besitzen von “hehlerei” zu sprechen, das ist dem Infizierten [patriotismus hin oder her] peinlich. Wenn einer einer dieser tage fragen würde, “Eyh, von wo kommst du?” würde der Infizierte womöglich, trotz Zuma et al., auf die zweit staatsbürgerschaft ausweichen: “Südafrika. Ich bin Südafrikaner”. Das ist nicht falsCH, aber es ist nicht die ganze wahrheit. Er kann sich auf jeden fall noch sehr gut erinnern, als ihn einst ein Haitianer gefragt hatte, von wo er komme und er wahrheitsgemäss geantwortet hatte. Der andere hatte gelacht und gemeint “Wofür steht ihr denn eigentlich? Gar nichts, stimmts? Wenns irgendwo einen streit gibt versteckt ihr euch unter einem felsen und wimmert ‘Wir sind neutral, wir sind neutral’.” Der Infizierte wollte solch einer unproduktiven Verallgemeinerung differenziert entgegen treten, aber sein gedächtnis versagte auf der suche nach einer helvetischen heldentat im internationalen geschehen.


Da waren und sind auf jeden fall die hilfswerke, aber diese der staatsappartur zuzuordnen, empfand er dann doch als ein wenig zu wenig des guten. Also antwortete er nur mit einem verlegenen lächeln, eine diplomatische technik, die ihm im blut liegt. Damals wusste der Infizierte ja noch nicht, dass diplomatie eines der symptome ist.


Diese verurteilende aussensicht, ob karibisch oder anderer provinienz, bringt ihm jedenfalls nicht viel ~ er muss zurück zur egoperspektive. Eines ist dem Infizierten in der ganzen misere definitiv aufgefallen: der eigennützige umgang mit abstraktionen. Einmal feiert man den „Rechtsstaat“, die Institution der gut-helvetischen Rechtsordnung und im nächsten Moment wird dieser umbenannt, nennt man die ganze maschinerie plötzlich „Fiskus“ und schimpft diesen als üblen abzocker der ach-so-hart-krampfenden Wirtschaftselite. Nur um dann wieder, in zeiten[3] der finanzwirtschaftlichen krise, ohne jegliche scham zum kniefall anzutraben, wenn es milliarden braucht um das disfunktionale investitionskasino wiederzubeleben.


Aber auch in dieser ganzen leidigen frage von steuerhinterziehung VS steuerbetrug, setzten die helvetischen volksvertreter zu ungewohnten, semantischen höhenflügen an. So Haniman:


© Um von der grauen Liste der OECD gestrichen zu werden, schloss sie Doppelbesteuerungsabkommen mit zwölf Ländern, für die die Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug neu nicht mehr gelten wird. Nicht aber mit den anderen 181 Staaten der Welt. Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf zauberte den Begriff der «schweren Steuerhinterziehung» aus dem Hut. ©


Kein wunder also fühlt sich der Infizierte, trotz müssigen zuhause sitzens, plötzlich telekinetisch involviert ~ das hohe fieber der infektion. Es scheint ihm die sprache selbst, das gelobte plasma, welches ihm durch kreislauf und hirn zirkuliert, wurde schon wieder durch kleinfurzende pseudopatrioten kontaminiert. Er sollte doch zumindest einen kleinen, dialytisch-polemischen selbstheilungsversuch unternehmen. Er kratzt sich am kopf, errötet und surft verlegen durchs internet, als ob er dadurch seiner ignoranz entrinnen könnte. Das heilmittel ist ihm noch schleierhaft, er kennt nur die vorläufige diagnose: peinliCH.

Damals verstand man sich noch blendend



[1] Dazu fällt ihm spontan folgender begriff ein “Fremder Fötzel”. Ein schlimmes wort, welches er liebt, weil es sich im laufe der zeit irgendwie selber entwertet hat. Man kann es nicht mehr ernst nehmen, konnte das vielleicht gar nie.

[2] Er muss das jetzt schreiben, sonst heisst es wieder: “Dann geh doch anderswo hin”. Hat er ja eigentlich auch vor, aber zu seinen eigenen bedingungen.

[3] Zu solchen Zeiten bemerkt der Infizierte auch die massive Absenz von Volksinitiativen, die hebt man sich auf für die wirklich wichtigen fragen die sich einer Vorzeigedemokratie stellen: Minarette, ja oder nein? Oder: sollen riesige, schwarze Raben die CH auseinanderpicken? J/N


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