Die blauen Reiter [Avatar-Metakritik, teil 1]


Oeyä tukrul txe’lanit tivakuk! [1]


Es bietet sich normalerweise nicht an oder ist sogar unweise sich zur Verteidigung eines Meisterwerkes berufen zu fühlen: das Kunstwerk soll sich selbst vertreten und eine reiche Erzader für all jene darstellen, die bereit sind, tiefer zu graben. Wie dem auch sei, die Debatten rund um James Cameron et al.’s [ein al. das tausende umfasst] Avatar sind meist derart verfehlt und intellektuell schlampig, dass ich nun trotzdem zur Verteidigung galoppiere.

Die Ankunft auf in Pandora


Wie viele avant-garde [post-postmodern ist nun wirklich ein zu unangebrachter begriff] Kulturprodukte, so unterliegt auch Avatar dem Diktat der Ironie: das Genre in welchem der Film kreiert wurde, Science Fiction, welches so oft verleumdet wird, ist schon wieder Vorreiter bei einem Paradigmawechsel. Dieses mal der cineastischen Art. Und die von den Kritikern so gänzlich verschlafene Neuordnung zeigt, dass die Maxime des SciFi immer noch nicht wirklich begriffen werden [denken sie an “Neuromancer”, denken sie an “Planet der Habenichtse”, an “The Matrix”, ja sogar “Lost”]. Also wiederhole ich eine Elementardefinition: SciFi handelt von Unterschieden im Sinne von in die Zukunft projizierte Andersartigkeit, am einfachsten illustriert durch Aliens und avancierte Technologien. Somit handelt Science Fiction auch fundamental von Neuheit, wie das Nie-da-gewesene ins Jetzt und in unser Vorstellungsvermögen tritt, als eine Denkresource, um unsere eigenen Probleme zu verstehen. [z.B. ist im Kontext von Avatar “Tsaheylu”, die neuronale Verbindung mit anderen, das dichteste Symbol hierfür].


Ok, olles korrekt. Gehen wir vom fundamentalen zu dem, was die Kritik so in ihren Bann geschlagen hat: das Visuelle. Im Zeitalter des Oberflächenfetischismus wird die Hirnmasse am stärksten, unmittelbarsten von den gelungenen 3D Animationen beeindruckt. Eins der zentralen postmodernen Paradigmen [frei formuliert als “Oberflächen, bitte nur Oberflächen” z.B. auch anzutreffen als Fashionphilie, Hochglanzmagazinflut, personalisierbare iPhone skins, Supermodelsendungen en masse, etc.] wird mit diesem Film durchstochen und durch ein Gefühl der Tiefe ersetzt: wir sitzen im Kino, Zuschauer mit frei schwingender Kinnlade, und starren in eine andere Welt – die Tiefen des Urwaldes von Pandora. Genau, eine Kiste wurde geöffnet und wir sind nicht mehr in [bitte tragen sie hier ihre Stadt ein], meine Damen und Herren.


Weshalb spielt das eine Rolle? Weil der Grad der Lebensechtheit [ENG: versimilitude] signifikant vertieft wird, das heisst, wir verbinden uns instinktiver/empathischer/unvermittelter mit dem fiktionalen Kosmos. Das ergibt eine in sich geschlossene Realität, die in einem transzendenteren Modus operiert, in welche wir als Zuschauer überführt werden. Und folglich findet man Statements, wie sie viele Filmgänger am nächsten Tag betrübt posteten: “Wo buche ich Urlaub auf Pandora?”, “Unsere Welt ist so hoffnungslos grau verglichen mit dem Heimatplaneten der Na’vi” und “Jetzt bringt mich endlich auf ein Raumschiff!” Wer sich nicht überlegt aus welchen kulturellen Unterströmen sich solche nostalgisch-utopischen Wünsche speisen,  hat das interpretative Spiel bereits verloren.


Das Spektakel scheint die Substanz im Falle von Avatar auf allen Seiten hermetisch zu isolieren. Die Kommentare zum 3D Aspekt replizieren die generelle Fehlallokation der bisherigen Kritiken dieser cinematografischen Singularität, nämlich dieser Fokus auf technisches/SFX/CGI. Ironischerweise IST es die Technologie, welche es dem Film erlaubt so zu funktionieren, wie er funktioniert. Trotzdem ist sie geradezu nichts im Vergleich zum Inhalt und der Storyentwicklung von Avatar. Sobald man den 3D Schock überwunden hat und mit heulenden Triebwerken und Hirn in Pandora landet, stellt sich die Frage: was gibt es hier noch?




[1] Möge mein Speer das Herz treffen!

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