Da war einer in Berlin [teil 5, Versuch eines kryptischen reiseberichts]


Bevor ich mich aus dem zirkel der gebannten gesichter verabschiede, mache ich meine kleine runde und drücke jeder person mit einem etwas verlegenen lächeln meine callingcard in die hände. Die höhe der selbstverliebtheit, was für ein schamloser mensch, dieses gute gefühl sich selber überwunden zu haben, sogar wenns den anderen nicht so richtig passen mag.



Ich verabschiede mich auf meinen fat tires in die nacht, die mich mit langen, warmen, windigen armen willkommen heisst, der himmel über berlin, nie so richtig ein schwarzes tuch. Also nun wird es schlussendlich doch noch sehr konkret und materiell und vielleicht irgendwann sogar erkennbar als eine spezifische stadt namens berlin. Wenn ich auch festgestellt habe, dass ich lieber kein tourist sein möchte, oder zumindest liebend gerne nicht so genannt werden will. Wenn ich auch meine dillettantischen versuche einer chamäleoniden, doch sehr oberflächlichen anpassung in die bürgerliche alltagsexistenz versucht habe mit einer gewissen wortakrobatik einigermassen zu rechtfertigen. Wenn ich auch alles möglich metageschütz hoch gefahren habe, um der des eigentlichen pudels reiseberichts kerns sache aus dem weg zu schreiben so sehe ich mich nun schlussendlich doch in meiner erinnerung konfrontiert mit der [bereits hilflos romantisierten] räumlichen realität eines ortes namens Berlin. Gewässer, brücken, graffiti, hoch- und tiefbahnen, dreidimensionale bürger, die diese um das volumen von ein oder zwei currywürste vergrössern etc. Ich könnt weiterhin so tun als ob es sich alles nur in einem themba-zentrischen universum ereignet hätte, welches sich in gedanken und hirnsträubende spekulationen zersetzen lässt, aber dem war nicht so.


Da war einer in Berlin, ok. Noch wichtiger, aber: da war dieser ort namens Berlin. Angesichts meiner anfänglichen ignoranzbekundungen, habe ich mich natürlich diesem aspekt versucht zu entziehen, genug damit.


Der gläserne hauptbahnhof, dem wohl schlechtesten ort zum steine werfen der welt, würde ich als reisender folge diagnose stellen: Das lebenswichtige, multizelluläre organ der der überlebensnotwendigen schliessfächer ist so etwas von unterausgebildet, dass man mit einer tödlichen verstopfung durch verärgerte, schwitzende, gepäck-umherschleppende touristen rechnen muss. Wie es den designern und verantwortlichen entgehen konnte, dass einer der grössten, angeblich anvaciertesten bahnhöfe europas evtl mehr als 150 fächlein zur verfügung stellen sollte, ist ein absolutes wunder der modernen technik. Auch die beschilderung des weges zu besagten kästchen im komplex dreidimensionalen raum von runden liften, freischwebenden querpassagen und endlosen rolltreppen, ist so aneurisma-induzierend dass der patient hauptbahnhof, wohl noch weitere produzieren dürfte. Im ernst: es dauert eine geschlagene viertelstunde bis man den kleinen versteckten raum findet, wobei man im treppenhaus bereits die angepissten stimmen seiner vorgänger vernehmen kann. Trotz dem ist man noch erstaunt wenn man den spint sieht, den man vielleicht in einer volksschule mitten auf dem land erwarten würde, aber bitte liebe güte nicht am berliner hauptbahnhof. Um die frechheit oder inkompetenz oder wie auch immer man dies am besten bezeichnet abzurunden, stellt man sich dann nach längerem suchen nochmals 30 minuten in eine schlange zur bezahlten gepäckabgabe, wo pro stück liebevoll 10euro gesogen werden.



Das glasige bahnhofkreuz gefällt ansonsten eigentlich gut, beeindruckt vorallem durch seine surrealen, 50-60meter hohen perspektiven bei denen man alles sieht von den nationalen linien ganz im keller unten [ob es sich hierbei um eine architektonische metapher handelt, weiss ich leider nicht] bis zu den riesigen franchiseniederlassungen, die stockwerk um stockwerk zum osten und westen hin eine gigantisches konsummosaik bilden, über den obligaten McD hin zum unverzichtbaren StarB [sie verzeihen, wenn ich diese namen nicht ganz über meine fingerkuppen bringe]. Um etwas nachtragend zu sein: wenn die schliessfächer bloss die gröss des zeitschriftenkiosks besitzen würden, wäre das platzproblem wahrscheinlich vollständig gelöst. Ohne scheiss. Aber zu gigantomanischen gebäuden habe ich allgemein nicht so eine sonderlich beredete beziehung. Ich bin mir nie ganz sicher wer beeindruckt werden soll und weshalb? Kombiniert mit den preisschildlein zu welchem solche konstruktionen normalerweise daherkommen und den zu erwartenden praktischen unzulänglichkeiten, bleibt mir dann häufig nur noch das resignierte kopfschütteln bzw der kryptische, vernächlässigbare eintrag im doch nicht so kritischen reisebericht. Ästhetisch hervorragend ist er allerdings, das liesse sich nie leugnen.

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