Nespresso [wie AIDS für kaffee, teil 2, was willst Du?]


Und nun also zurück im Nespresso Laden in Luzern, der wie eine üble reprise des albtraums in zürich war. In der nord-westlichen ecke befindet sich eine getrennte lounge aus crème-farbenem leder, dunklen, stylishen kaffeetischchen und sogar, wen-überraschts-?, jungen, mannbaren [oder aber auch fraubaren] hostessen, die nur darauf warteten, den schwierigen kaffeezubereitungsprozess für ihre kunden zu erledigen.

Aber was ersterdings meine aufmerksamkeit beanspruchte, war die grosse wand voller kaffeemaschinen. Auf die leinwand dahinter, war die skyline einer illustren metropole gedruckt, entweder New York oder Chicago, genau kann ich mich nicht erinnern und der blosse gedanke daran, zurückzugehen [zu besagtem laden] ist viel zu schrecklich.

Die Nespressomaschinen selber sind derart gestylt, dass sie den stalaktiten aus glass und stahl gleichen, welche nur auf dem vorzüglichsten nährboden der innenstädte der globalisierung gedeihen, wo sie um die begrenzten aufmerksamkeitsspannen der MNU und CEOs wetteifern.

Die maschinen sind also visuell so gestaltet, dass sie innerhalb des begrenzten raumes des häuslichen lebens, den glamour einer megalopolis reproduzieren, während sie kaffee zubereiten, der von einem ganz anderen flecken erde stammt. Die ironie kann niemandem entgehen: dass das äussere des gerätes dem hauptquartier der finanziellen globalisierung [d.h. die karzinogene, neoliberale variante] entspricht, währenddem der inhalt, das was drin steckt, zerquetscht und dann bis aufs letzte aromatische molekül durchgespühlt wird, von den plantagen der bauern [les damnées de la terre] kommt, die schon seit jahrhunderten auf der verliererseite des spieles stehen.

Es ist ein offenes geheimnis, dass dieses genussmittel einem der unfairsten, ausbeuterischsten handelsarrangements unterliegt, so dass fairtradekaffee beständig auf der liste der heissen konsumententhemen ist. Eines der bekanntesten bücher über das thema heisst sogar „Kaffee – eine dunkle geschichte“. Die unfairen wirtschaftsverhältnisse sind hier nicht mein zentrales argument, aber der verdichtete, ironische symbolismus dieser Nespressomaschinen ist überwältigend.

Ok, gut, bzw schlecht. Wie steht’s denn nun um dieses degustatorische séparée? Genial, absolute promotiongenialität. Es werden ein paar kaffeemaschinen hergestellt, die nicht allzu speziell neu oder  designtechnisch berauschend sind, ausser, dass sie der faulheit [wohlgemerkt, eine todsünde, wir wollen hier keinesfalls die christlich-fundamentalistische argumentation aus dem auge verlieren] den hof machen und also ist es ein echter hirnkratzer, wie man denn nun diese dinger für den durchschnittskonsumenten attraktiv machen könnte. Voll easy: man fabriziert ein „erlebnis“, aber nicht einfach irgendein erlebnis. Ein erlebnis der oberklasse, der gehobenheit, des savoir-vivre für Otto Normalverbraucher. Fast jeder [westliche mittelklassebürger, hahaha] kann sich eine der weniger teueren maschinen leisten, was sie fast schon demokratisch[1] macht, aber wenn man dann in den laden kommt, gibt es diese schickimicki probierzone mit den zum-anbeissen-aussehenden hostessen und dieser breiten „auswahl“ an kapseln [hört sich für medikamentensüchtige wohl paradiesisch an], ein paar sogar in „limitierter edition“ und BOOOOOOM! kriegt man die 10-minuten quasi-exklusive Nespresso kaffeekultur erfahrung. Die genau NADA mit kaffee oder kultur zu tun hat.

Wieso? Weil man verdammt noch mal gar nichts tun muss, ausser abzusitzen und sich mit kleinen tassen bedienen zu lassen. Tatsache ist, ich weiss sehr wenig über kaffee, ausser dem, was ich im letzten stück „Der Moka Express“ geschrieben habe [und was auf wikipedia zu lesen ist], aber das ist nicht weiter schlimm; ich verstehe, dass wenn man sich in überhaupt keinster weise mit der materie auseinander setzt, das nicht als kulturelle erfahrung oder ereignis angerechnet werden sollte. Es ist bestenfalls die hülse einer erfahrung, nicht mal das, ich sollte ein wenig präziser sein, es ist die zerquetschte aluminium kapsel einer kaffeeerfahrung. Weil was das verdammte ding macht, abgesehen davon, wie wahnsinnig ressourcen zu verschwenden, ist, dass es den kaffee physisch von unseren sinnen trennt: man kann ihn nicht berühren, man kann ihn nicht riechen, zum teufel noch mal, man kann ihn nicht mal sehen in dem abgefuckten, metallischen kaffeein zäpfchen. Was soll der scheiss?

Noch irgendwelche anderen punkte, an denen ich mich stosse, ausser, dass meine freundin für geschlagene fünfzehn minuten nicht bedient wurde, in einem laden in dem sich gerade mal vier kunden befanden? Weiteroben hatte ich mich ganz kurz zu den verdauungskräften des kapitals geäussert. Wie es irgendwie geradezu magisch dazu im stande ist, sich alles in seine eigene, reduktive kost-benefit logik einzuverleiben. Die neueste anschaffung in diesem sinne, ist die „ethik“ selbst gewesen, in soweit als ethik sich auf das warme gefühl im bauche eines konsumenten reduzieren lässt, wenn er oder sie etwas kauft, welches als wirtschaftlich gerecht für alle mitglieder der mehrwertsproduktionskette gelabelt ist: ein fairtrade, ökologisch nachhaltiges produkt.

Es ist offensichtlich, dass das für ein unternehmen, welches einen zwingt, eine aluminiumkapsel pro kaffeetasse aufzubrauchen und welche in einer notorisch, negativ behafteten branche des welthandels aktiv ist, ein besonders scharf-kantiges hindernis darstellt. Wie wird damit innerhalb des rahmens des Luzerner nespressoladens umgegangen? Frontal und genial einfach. Sobald man eintritt, bemerkt man zu seiner rechten einen transparenten plastikschaukasten, der sieben oder acht hintereinander gestapelte, rechteckige einheiten aus vielfarbigen, komprimierten kapseln zur schau stellt. Das ding sieht knallig aus, fast wie eine skulptur;  es schreit geradezu hinaus: recycliert! Was im mutterland von PET eine art stammhirnlevel verifikation ist, dass das ding ökologisch nachhaltig ist. Niemand wird danach fragen, wieviel energie es überhaupt braucht, eine kapsel zu produzieren und erst gar nicht, wie viel, eine zu recyceln. „Recycling“ ist einfach ein zu schönes und grünes wort, als dass man es noch weiter hinterfragen könnte. Aber der kritische geist könnte einen soweit bringen zu fragen, wie genau denn diese recyclierbaren kapseln in sachen energieverbrauch abschneiden, im gegensatz zum erledigen des leidigen kaffee-machens mit einer kaffeemaschine einer anderen marke oder, gott verbiete, einem Moka-Express?

Bleibt noch das letzte, aufmümpfige element im gesamten Nespresso marketing und branding moloch: der mensch, bzw die basic human resource unit. Schrecklich unvorhersagbar, im herzen anarchisch und dazu im stande so profit-bedrohliche faktoren wie solidarität und mitleid zu aktivieren. Die frage, die sich sogar der verbrauchteste glitteratus in einem moment voller pathos oder schlechter iPhone verbindung, fragen mag: ach du lieber himmel, diese armen kaffeebauern, werden sie wenigstens fair bezahlt für ihre ernte? An dieser stelle kommt der hoch auf der wand prangende flatscreen TV ins bild, der mit einem unternehmens-eigenen „dokumentarfilm“ gefüttert wurde. Auf der glotzkiste werden satte grüne hänge aus den entferntesten ecken der welt auf dauerschleife abgespult. Die landarbeiter und bauern, in ihren spitzigen strohhüten, welche die roten bohnen pflücken, lächeln alldieweil endlos in die kamera, womit sie uns eine vage vorahnung vermitteln, wie ekstatisch unterhaltsam es sein muss, die ernte tag ein, tag aus einzusammeln.

Und wie ich so zusehe, wie die indonesische landarbeiterin in die kamera lacht, weil jemand hinter ihr einen guten witz über den vertrottelten Nestlé grosslieferanten gerissen hat oder über den offenen reisverschluss des kameramannes oder weil die maloche tatsächlich so unendlich amüsant ist, wie ich so auf den bildschirm starre und darauf warte, dass meine freundin endlich eine frische dosis kapseln bekommt, werden all meine zweifel zerquetscht und durchgespült und ich kann endlich zugeben, dass Nespresso eine tolle marke ist, eine kraft zum guten. What else?


[1] Sorry meine lieben polit-wissenschaft homies, aber der demokratiebegriff ist schon so verarmt, da kommts auf diese eine trivialisierung auch nicht mehr gross drauf an

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