Da war einer in Berlin [Versuch eines kritischen Reiseberichts, teil 5]


Dann wendet sich mein kopf nach links, in richtung bewegungsquelle und wer kommt herbei getrampelt? Ein fremder samt Peter Stamm im schlepptau, aus dem nichts materialisert, sich mir nähernd, sicher um zu sagen, dass da für meine wenigkeit “Entschuldigen Sie die Umstände Herr Mabona” nun doch noch ein plätzchen frei geworden ist? Mir stockt das hirn ein wenig, weil ich mich frage ob und wie ich aus der situation kapital schlagen könnte, ohne mich zum affen machen. Den Stamm irgendwie anhauen und ihm unverblümt eine meiner callingcards andrehen… das kommt doch wohl eher schlecht rüber, wie einer dieser überfanatischen fans, zumal ich ja kein einziges seiner bücher gelesen habe, was mir sonst wenigstens erlauben würde zu sagen “Aber diese Johanna in XYZ, hätten Sie auf in den letzten kapitel ruhig noch etwas aufblühen lassen können” oder ähnlich triviales geschwätz, um das plötzliche herantreten an eine fremde person etwas abzufedern. Nichts dergleichen.

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Oder einfach gerade hinaus “Hallo mein name ist… ich bin ein junger schreiber aus der CH….ich möchte ihnen gerne dieses visitenkärtchen geben, es ist mein blog mit kurzgeschichten usw.”, Weil man behauptet die wahrheit sei das wirkungsvollste, immer und überall, was sozioemotional verfehlt ist, weil es manchmal schlichtweg undenkbar ist. Sagen Sie jemandem das nächste mal, dass es ihnen leid tut, aber sie die kleider nicht schön finden, ganz und gar nicht, ja geradezu hässlich; ob man sie nicht evtl noch retournieren könne?

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Also tue ich was mir liegt: ich beobachte die beiden aus der ferne, wie sie vorbeiziehen, von anderen beobachtet, die bemerken, dass es sich um einen berühmten schriftsteller handelt. Ob sie das gewicht meines blickes bemerken? Und dann, ist ja klar, sobald sie aus dem blickfeld verschwunden sind, raufe ich mich an den haaren, was ich doch für ein trottel bin, so eine gelegenheit, einfach vorbeiziehen lassen, so wird das nie was. Aber ich habe “glück”, der verleger kommt nochmals zurück und jetzt bin ich mit drei schritten herbeigeeilt und unterbreite mein anliegen. Gott, ich komme mir vor wie der letzte lakei. Für mich selber werbung machen ist ja nun wirklich nicht meine lieblingsaktivität. Er rät mir mich doch zu den zuhörern zu setzen, die sich schon andächtig im kreis unter einem vordach versammelt haben, was ich tue.

[Leben ohne/nach Facebook? Hier gehts lang… LebenNachFacebook]

Man soll sich ab und zu dem zufall übergeben und schauen was passiert: irgendwas zu erwartendes oder nichts sonderlich neues oder etwas fabelhaftes.
Die ersten 5 minuten höre ich gebannt zu. Dann komm ich nicht umhin mir einzugestehen, dass ich die textpassage enorm langweilig finde. Es ist nicht mal eine bewusste einsicht, sondern ein unwillkürliches abdriften meiner gedanken: ich könnte im kreuzberg am herumpedalen sein, auf dem hotelbett mit DFW oder gott weiss wo sonst. Im nachhinein ist natürlich meine hoffnung dieselbe, wie für die leute welche sich nicht mit einem meiner texte anfreunden konnten: dass die vielfalt der erzählstile, stimmen und charaktere so weit gefächert ist, dass eine einzige passage nie und nimmer irgendwelche repraesantivität erlangen kann, niemals. Aber dazu müsste ich wohl mehr P.S lesen.
Und lesen ist schon sonst immer so ein schwieriger, innerer balanceakt, denn lesen heisst: nicht schreiben! Aber es heisst auch: vielleicht nachher inspirierter schreiben?! Man weiss es nicht, man tapt im dunkeln, bis man den schalter findet, anknipst und sich sagt: zeit zu schreiben, verdammt!
Bevor ich mich aus dem zirkel der gebannten gesichter verabschiede

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