Audiovisuelle Experimente am Südpol [maz shiat]


 

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Ort: Südpol

Temperatur: ca. 12° C

Zeit/Datum: 09:27 / 05.11.09

Logbuch Eintrag: 001-a

 

Im Niemandsland zwischen Luzern und Kriens befindet sich eine Versuchssphäre, Teil eines Experiment der urbanen Wiederbelebung bekannt unter dem Namen Südpol. Im Inneren, in der grossräumigen Shedhalle, der man ihre Provenienz vom industriellen Schlachthof noch etwas ansieht, erklärt Philip Bischof der Leiter des Kulturbetriebs, um was es sich bei diesem Lokal genau handelt. Der Ort strahlt entgegen seinem Namen dank Old-School Polstergruppen und farbigen Plastikkronleuchter eine gewisse Wärme aus.

 

In Wollpulli und einen karierten Schal gepackt, überrascht mich der eloquente Leiter mit dem 7-Tage Bart vor allem mit einem Punkt: dieser Kulturbetrieb hat keine Tradition oder bindende Vorgeschichte und somit eine gewisse Freiheit frische Strukturen zu erarbeiten.

 

Nach Bischofs Einleitung treffe ich meine drei Interviewpartner: den Leiter der Licht- und Tontechnik Peter Göhler, mit seinen freundlich blitzenden Augen, den Tontechniker Felix Lissker und den schüchternen Praktikant Adrian Stocker. Alle drei sind unkompliziert in Jeans, Pulli und Turnschuhen gekleidet, so dass einem gleich bewusst wird:  hier müssen Dinge bewegt werden, wenn das audiovisuelle Experiment am Südpol gelingen soll.

 

Wir treten durch eine massive, schwarze Doppeltür bemalt mit einem riesigen, orangen S (umringt von einem Kreis) in eine dunkle, schalldichte Zwischenkammer. Beinahe denke ich mir, es handle sich hierbei um eine Übergangsritual, bei dem man auf der anderen Seite als kulturell Wiedergeborener herauskommt. Die zweite, ebenso massive Doppeltür führt ins Halbdunkel der Grossen Halle, sozusagen dem zentralen Labor der Forschungsstation.

 

Entlang der Seite der bis zu sechs Meter hohen Publikumstribüne führen uns Göhler, Lissker und Stocker nach vorne zur Bühne. Ein vereinsamter, greller Spot scheint auf die Operafolie, die grosse Leinwand hinter der Bühne, auf welcher die Lichteffekte ihre volle Entfaltung finden. Auf die Frage, was es mit den beiden riesigen, absurden, frei von der Decke hängenden Metallfedern auf sich hat, antwortet Göhler in einem Anflug von Enthusiasmus „Heute abend performen hier Irmler & FM Einheit, das ist eine experimentelle Elektroakustik Formation aus Berlin. Sie sind unsere ersten ‚Artists in Residence’“.

 

Die Bühne schlägt mich in ihren andersartigen Bann. Sie ist ebenerdig und hat, nebst den schwebenden Federn, noch andere Skurrilitäten zu bieten, zum Beispiel klotzige, elektrische Gerätschaften, die aus einem Paralleluniversum herbeigebeamt wirken, schwarze Boxen mit Leuchtdioden und runden Regelknöpfen und das Ganze verbindend, ein blau-schwarzes Geflecht aus Kabeln. Einzig die beiden Keyboards bieten meinem verwirrten Auge vertraute Anhaltspunkte. Schlagartig wird mir klar, was Lissker gemeint hat, als er sagte, er müsse die „Bühne noch konzertfertig herrichten“.

 

Auf die Frage, was die Herausforderungen in ihrer Arbeit sind, antwortet Göhler: „Also erstens muss man den Ablauf im Griff haben: wann, wie, wo, was. Die Lichtleute können nicht grossartig herum experimentieren, wenn die Leute vom Ton Licht brauchen, um die Boxen richtig zu positionieren. Der Raum ist sehr flexibel, das erlaubt uns, auf die spezielle Vision der verschiedenen Künstler einzugehen“. Der Praktikant Stocker, der kaiserlich hinter dem über 10’000 Franken teuren Lichtmischpult thront, ergänzt: „Die Lichtanlage ist eigentlich fürs Theater gedacht und nicht unbedingt für Konzerte. Meist ist es so, dass bei Theaterstücken klar definierte Lichtkonzepte vorliegen, während bei Konzerten nur grobe Vorgaben bestehen. Das Schwierige dabei ist, die richtige Ausrichtung und Farben zu finden. Wir haben hier bis zu 80 Scheinwerfer, die wir einsetzen können“. Ich blicke zur mit Stangen vergitterten Decke hoch, wo sich die etwas Bojen-förmigen Scheinwerfer befinden und zähle nach: da fehlen welche! Wie sich dann bei der weiteren Führung herausstellt, sind diese reihenweise im Backstage Bereich aufgereiht. Es ist einer von vielen Verwahrungsorten, da sich eben alles noch in einem sehr experimentellen Zustand befindet.

[pt.1 v 2]

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