Da war einer in Berlin [Versuch eines kritischen Reiseberichts, teil 4]


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Auf diese weise wurde ich meine kärtchen innert relativ kurzer frist los und hatte immer noch witzige, kleinkriminelle, rasch nachlassende adrenalinschübe. Natürlich achtet sich niemand darauf, was man in einem buchladen tut, es ist vielleicht höchstens noch die frage, was man so lange in einem bücherladen zu suchen hat.
Wäre das teil eines regulären reiseberichtes, würde ich an dieser stelle die vielfalt der berlinerischen bücherläden loben und die preisgünstigkeit mit der man altehrwürdige bände, als auch illustrierte werke erwerben kann, dass es eine endlose wahl gibt zwischen second-hand, spezialisten und mainstream, etc. Es wäre wohl unausweilich ein nervtötendes wo und was und welche coolen literarischen köpfe man dort schon angetroffen hat. Nein. Was ich allerdings noch anmerken kann, für alle anderen sich in meiner lage befindlichen damen und herren, ist wie ausserordentlich befriedigend es ist, die callingcard in ein bestsellendes werk zu stecken, von dem man weiss wie unverdient und ambitionslos es ist. Z.B. Gelang es mir einige der nachfolgewerke von “Feuchtgebiet” (der name ist mir entfallen) zu stopfen und ich hoffe natürlich auf diese leserInnen und idealerweise auch kritik, empörung, wohl durchdachte vorwürfe, als auch hirnlose ad hominems. Man könnte dies neid nennen, aber die begriffe verzweiflung und unverständniss, erscheinen mir wesentlich plausibler. Egal. Ich wiederholte diese prozedur in einem fast ebenso enormen bücherladen am potsdammer platz, wo ich mit einer gewissen bedächtigen ehrfurcht drei meiner zettelchen in drei der unspektakulär grauen riesenwalzer von DFW steckte.
Eine letzt vertriebsmöglichkeit bot sich mir noch, zufällig statt voraus geplant. Im Zitty, eine der szenieblätter, wurde eine vorlesung von P. Stamm angekündigt. Am besagten abend war mein time-management wie eh und je hundsmiserabel. Die addresse fand ich erst im letzten moment auf dem internet heraus, mich darauf verlassen, dass das schicksal dafür sorgen würde, dass die lesung in der nähe meines hotels stattfindet. Mit etwas glück war dem auch fast so… zumindest sah es auf der karte für meine ungeübtes auge so aus und die letzten 2 tage auf dem fahrrad hatten mich zuversichtlich gestimmt, psychopathisch zuversichtlich, dass ich jede ecke berlins in ca 20minuten fleissigen gestrampels erreichen konnte. Ich liess mir viel zeit mit lesen, duschen, e-mail Inbox checken, all die sachen die man halt so macht, wenn man etwas vielleicht unbewusst verpassen möchte, dass aber dann doch lieber auf unachtsamkeit abschiebt. Eine halbe stunde vor beginn begab ich mich in die lobby, checkte nochmals die addresse und setzte mich, mich für mein time-management verfluchend, auf das orange damenrad von Fat Tires, welche man am alexanderplatz für läppische 12 euros am ersten und 10 euros [circa] an den folge tagen ausleihen kann. Phänomenal praktische sache, angesichts was B für eine drahtesel-freundliche stadt ist, exklusive autofahrer. Und strampelte heftig in die pedalen, bis ich so richtig das tempelhof-ufer entlang flitzte, dann Waterloo, Gitschiner, Skalitzer usw.
Das fahrradvolumen in der stadt ist so gross, dass sich bei den ampeln häufig kleinere gruppen bilden, die dann gemeinsam los radeln, sich nach tempo langsam aufsplitternd, sodass so eine art tour de france feeling aufkommt und man plötzlich merkt, dass man nicht einfach so vor sich hin pedalt, sondern versucht mit jemanden mitzuhalten, eine andere einzuholen oder irgendsoeinen assi hinter sich zu lassen. Offensichtlich war ich an dem abend nicht der einzige der es sehr eilig hatte und so lieferten sich eine dame mittleren alters und ich uns ein langes, unwillkürliches duell, welches von jeder ampel absurd wieder auf null zurückgesetzt wurde. Schlussendlich verlangte die nahende Stamm lesung von mir mein äusserstes und ich raste so schnell wie nur menschenmöglich richtung berghain. Richtig gelesen, ich stressierte gen den angeblich krassesten club der welt nicht um pardey zu machen, sondern um mir den verdammten stamm anzuhören, unglaublich, sogar für meine massstäbe etwas zu viel. Anfangs Oberbaumbrücke hatte ich alle verfolger abgehängt und konnte mich nun, so gut es eben ging noch an der urbanen szenerie erfreuen, während ich darauf achtete nicht von BMWs oder lastern platt gemacht zu werden. Meine uhr verhiess gutes! Nach einer längeren partie skelett-rearrangierendem pflasterstein war es geschafft und ich kurvte in eine ufermässige bar im berghain, mich wundern wie wohl das innere des riesigen fabrikgebäudes aussehen mag, ob ich dort folgenden nachts am abshaken sein werde oder nicht. Ganze zehn minuten zu früh war ich, gut durchgeschwitzt, bereit guter literatur zu lauschen und zu guter letzt ein paar scharfe fragen zu stellen. Das war der plan.
Das ambiente dort war sehr angenehm, richtung himmel offen. Ein paar lichtergirlanden, ein laues windchen, grosse, gepolsterte 4-personen schaukeln, sogar sand, sodass man sich wunderte ob die anlage sich hinter dem bretterverschlag noch weiter bis ganz an den fluss hinunter erstreckte. Falls das wort noch in gebrauch ist: mondän! In der schlange bloss sieben oder acht leute, noch ganze 10 minuten, in der tat, das glück meints wirklich gut mit mir. Wieder dieses gute hochgefühl, das ich kurz vor einer lange reihe, immer bedeutsamerer erfolge stehe, die sie doch eigentlich schon unlängst sich hätten einstellen sollen, aber jetzt doch noch endlich kommen.
Ein Kafka oder Pessoa werden, nein, das möchte ich nicht, dann lieber einfach ganz lausig und belacht, das hätte wenigstens ein gewisse in sich abgeschlossene logik des versagens, der man sich zu lebzeiten durch hoffnungslose selbsüberschätzung entziehen kann. Eine weile, die realitäten einsieht und dann ein anderes, passenderes leben lebt. Eines in dem bücher vielleicht nur gelesen werden, man sie in vollsten zügen geniessen kann, statt dass sie ein tragisch verfehltes ziel seiner ambitionen darstellen.
Item, in der schlange wartete ich, schaute mich um, was das wohl für personen sind, die sich doch noch die mühe machen irgendwohin zu gehen, bloss um einem schriftsteller beim erzählen zuzuhören. Alles so verschieden, dass sie sich sogar meinen unglaublichen verpauschalisierungsfertigkeiten entzogen, abgesehen vom erwartungsvollen glanz in ihren augen. Dann, drei personen vor mir, die faust in den magen: ausverkauft! Man könne sich aber noch für fünf euro draussen dazusetzen und zuhören, fünf euro. Das war mir zuviel. In dem moment realisierte ich aber auch, dass es mir eigentlich völlig egal war, ob ich den mann je live hörte und sah oder nicht. Ich hatte noch kein einziges buch von ihm gelesen, in einem oder zwei geschmökert und mir schwante böses. Was tun? Der abend hatte ja erst begonnen und es galt die zeit einigermassen kultiviert tot zu schlagen. Ich redete mir auf die kürze was ein von den magischen kräften der inspiration eines halben liters weissbier und sass innerhalb von minutenfrist auf einer bank, einen kalten schäumer in der hand, mich nervend, dass die beiden grossen, einladenden schaukeln schon besetzt waren.
Ob es noch etwas besseres gibt als einen halben liter weissbier an einem schönen sommerabend in berlin, darüber streitet man mit mir besser nicht. Die artgenossen der schaumkrone waren in zerfetzter form und noch subtileren farben auch am in den westen davonsinkenden tag zu erkennen. So und noch heher wars, meine lieben. Welch unverhofftes glück, dass ich die verfluchte vorlesung im letzten moment doch noch verpasst hatte!

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