Da war einer in Berlin [Versuch eines kritischen Reiseberichts, teil 3]


Berlin_Unter_den_Linden_um_1900

Da ich allerdings eben schon einmal in dieser stadt gearbeitet hatte, in diesem Berlin, war nun diese 13-fache zurückweisung doch schon ein bisschen, als ob mir die kalte schulter gezeigt würde. Ich hatte mich damals bei nacht und nebel verabschiedet, weil die arbeitszeiten und wohnsituation kläglich waren und nun war es an der zeit für die rachsüchtige metropole, sich an mir zu revanchieren. Der touristenstatus als metaphysische bestrafung, oder so ähnlich. Dass dies alles nur meinem allzu menschlichen bedürfniss nach bedeutung entspringt, ist mir bestens bewusst, aber ebenso deckt es sich mit den erlebten ereignissen.

Allerdings gab ich mich in der frage der persönlichen mehrwertschaffung noch nicht ganz geschlagen. Tatsache ist, ich hatte diesen plan, der eigentlich nur der förderung meiner eigenen interessen galt, schon im vonherein ausgehekt, im guten alten luzern und wusste, dass ich nicht unbedingt auf erfolg hoffen konnte, bloss weil ich hier ein paar jahre früher mal sehr viel glück hatte. Nur weil ich in meiner brust ein paar unsterbliche, metropole affinitäten habe, von denen ich hoffe, dass sie die in den grossstädten reflektierte himmlische ordnung [und kräfte] mir gegenüber günstig stimmen. Aber hoffte natürlich trotzdem, vielleicht schon nur meines namen wegens oder weil es so ein grandioses prinzip ist.

Als nächstes stand also, wie das für alle angehenden schreiber unerlässlich ist, die schamlose self-promotion an. Ursprünglich war der plan, eine callingcard meines blogs in den grossen bücherläden in kassennähe ausstellen zu lassen, eine nicht unbedingt idiotische idee. Allerdings hatte ich von einigen solchen läden in ZH bereits die rückmeldung erhalten, dass sie für solchen unkommerziellen unfug wirklich keine kapazitäten hätten und höchstens gerade mal noch für ihre eigenen geschichten werbung machen konnte [man denke an das armenhaus Orrell-Füssli etc.].

Die lektion war mir allerdings noch nicht so richtig eingesunken, stattdessen fragte ich mich, durch den zentralen, gut-bebücherten, unabhängigen Lind-Blomquist wandernd, wo zum teufel ich denn diese aufstellen sollte, angesichts all dieser bücher, die sich an allen ecken türmten, aus riesigen kisten empor quollen und sogar die kasse selbst auf allen seiten wie festungsmauern aus papier&einband verbarrikadierten. Wo??? Nirgends! War im ersten moment die decouragierte antwort der inneren stimme der vernunft. Aber auf die ist so gut wie nie verlass.

Stattdessen wurde ich alsbald von der unendlich angenehmen aktivität des schmökerns abgelenkt und machte mir gedanken dazu, welche werke ich mir trotz meines bedenklichen kontostandes, doch auf jeden fall zulegen sollte, bzw ohne welche ich diese stadt trotzdem noch guten gewissens verlassen konnte, besser gesagt, welche romane die beste kombination von preis und unerhältlichkeit in der schweiz räpresentierten. Die etwas verfehlte antwort war dreifach: Walsers “Die Verwaltung des Nichts”, Kafkas Verschollener dessen preisgünstigkeit ich erst zuhause als mängelexemplar konstatierte und Andres utopische doppelnovelle. Kurzum, ich vergass vorläufig meine Berliner self-promotion.

Am nächsten tag fasste ich mir aber ein herz und betrat, das ehrfurcht oder depression-gebietende “kulturkaufhaus” [ein begriff, den man sich einfach kommentarlos auf dem hirn zergehen lassen muss]. Es dauerte schätzungsweise 5 sekunden um zu realisieren, dass mein unterfangen auch hier aussichtslos sein würde. Nicht bloss wegen den unzähligen türmen an übelster belletristik, der reduktion von literatur auf ein entfremdetes hochglanz produkt und der ganzen, gelungenen inszenierung auf was sich der begriff “simulacrum” bezieht, sondern weil mir sofort bewusst wurde, das meine kleinen [wenn auch feinen] kärtchen in diesem wogenden ozean von visuell attraktiv gestaltetem papier absolut hoffnungslos untergehen oder dahindriften würden. Sie hätten bestenfalls den auffälligkeitswert eines regentropfens in einem pazifischen hurrikan. Und also musste ich mir eine andere, originellere, persönlichere herangehensweise überlegen. Dazu könnte ich noch anmerken, dass mir die inseln des puren kommerz in Berlin irgendwie immer aussenseiterisch ins auge stechen, als eine art abweichung vom am sonsten sehr reichlich vorhandenen spirit der “Alternativen”, der politischen progressivität, der betonung der vielfältigkeit und der unveräusserlichkeit des menschen als kreatives wesen [statt konsummonade].

Ich erinnerte mich an die ursprünglich gedachte vertriebsstrategie: man nehme ein einzelnes visitenkärtchen und stecke es mitten in ein bestsellendes buch, dessen leserschaft man sich vorstellen kann, einigermassen an dem besagten blog interessiert zu sein. Bei dieser methode kann ich mir wenigstens ziemlich sicher sein, dass die callingcard bei der leserin ankommt und, dass sie sich vielleicht für den bruchteil einer sekunde damit auseinander setzt. “Hmmm, da hat sich einer etwas dabei gedacht….sache weiterverfolgen? Ja/Nein.” Ich habe also eine gewisse, minimale kontrolle über die empfängerschaft.

Das andere element ist jenes der freudig glucksenden unterwanderung eines kommerziellen riesen, dessen eigene distribution zur förderung von alternativen umverwendet wird. Das gab und gibt mir ein warmes inneres glühen von gescheiter subversivität, welches mich dafür entlohnt stundenlang von einem bücherregal zum nächsten zu huschen, um mich zu blicken, die verkäuferInnen zu beäugen und dann, wie ein anfängerischer strassenzauberer, die cc aus meiner hosentasche tief in die buchmitte zu befördern, wo der anpressdruck der geleimten seiten hoffentlich reicht, bis die lektüre die schicksalshaftee seite erreicht, der leser aufspringt und ungeduldig themzini.wordpress.com in die addresszeile eintippt.

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