Die lenden des jungen G [Zauberhafter Zabadäus, teil 4]


Broken_Heart_by_lucaszoltowski

Am abend, nachdem sie kurz in die jugi zurückgejettet sind, empfangen wir sie mit unserem besten versatzstück von gentleman-haftem benehmen. Es ist mir unbegreiflich, wo und wie man sich in einer jugendherberge so aufdonnern kann, aber der effekt ist nicht schlampig sondern umwerfend, also werfen D, G und ich freudig mit abgegriffenen adjektiven um uns. Ich hatte mir vorgenommen mich mehr mir selber zu widmen, aber komme in anbetracht dieser grosszügigen kurven- und hügellandschaft ins zweifeln. Egal wie oft ich mir innerlich sage, dass ungestilltes verlangen die kreativiät fördert, so plärrt dieses verlangen doch unstillbar weiter nach einem eigentlichen körper, infantil, geradezu neo-natal.

Zurück zum geschehen. D hat fleissig getränke eingekauft, obwohl er selber nur bescheiden konsumiert und unser kühlschrank sieht so aus, wie man sich den eines vermögenden alkoholikers vorstellen würde. Wir versuchen erst gar nicht beim schlucken mit den drei USA girls mitzuhalten, lassen uns dann aber doch zu einer partie beerpong verlocken und verlieren prompt drei mal in folge. Gs wettkampfgeist vom badminton ist urplötzlich in diese trinkspiele übergeschwappt, obwohl der schlussendliche trainingseffekt das genaue gegenteil sein wird. Ich weiss er hatte vor zwei tagen wieder einen rückschlag, diffiziles treffen mit L, laute worte und viele tränen, zuletzt sogar eine ohrfeige, die er postwendend retrouniert hat, was D und ich ihm hoch anrechnen. Ich kann also gut nachvollziehen, wenn er sich heute abend mühe gibt.

Mein eigenes herz wurde bereits drei mal zertrümmert, musste aus seinen blutigen bestandteilen halbwegs rekonstruiert werden und befindet sich in irreparablem zustand. Wenn das gesicht einer verflossenen in nächten der erinnerung empor schwebt, kann ich es beinahe flimmern hören, dieses kaputte organ der sogenannten liebe. Und also find ich es inzwischen schwierig ladies nicht wie dreck, eine mir schlimm gesinnte spezies, zu behandeln. Tragischerweise nicht ohne erfolg.

Schlussendlich ziehen wir, das transatlantische Doppeltriumvirat, los, besuchen unsere standard tränken und kisten: “Das blaue Schaf” um billig aufzutanken, von dort weiter ins ehemals pseudo-mittelalteriche “Lento” nun genannt “Crack” und schliesslich ab ins “Comedia”, welches mit seinen transparenten dance-duschkabinen für von-geburt-an-peinliche-menschen seinem namen durchaus gerecht wird. Sind andere mittelgrosse städte auch so hingebungsvoll hoffnungslos? Ich mag darüber nicht spekulieren, ich amüsiere mich gerade zu gut.

Unterwegs treffen wir noch einige kollegas und kolleginnen von denen mindestens zwei die US amerikanische belagerung (und absehbare invasion) von G unglücklich beäugen. Mir fallen so sachen auf: ich versuche leute zu beobachten, wenn sie gerade andere leute beobachten, das gibt mir immer so ein wohliges, à-coté-de-garde metagefühl. Während der letzten viertelstunde im Comedia habe ich eine vorahnung also gehe ich etwas früher zur garderobe und lasse mir ohrenstöpsel geben.

D und ich staunen ziemlich, als alle vier ladies sich schlussendlich wieder bei uns im wohnzimmer einfinden. Als gegen sechs das wohnzimmer von der neuen sonne flammenfarben geflutet wird und unser gespräch abebbt, begeben sie sich mit G richtung zimmer. Ich mache zeichen, zeigefinger über die lippen und so. Nicht nötig. Erstaunlich wie relativ lautlos die Vereinigten Staaten von AmerikanerInnen alles einstecken. 

Es vergeht allerdings nur ein einziger absurder traum [ich bin ich studi an der K.T.A., der Kayelitsha Tennis Academy und übe aufschläge mit grossen, grellgelben, runden käfern, die jedesmal zu schleim zerplatzen. DelPotro kreischt mich an, ich solle mir verdammt noch mal mühe geben…etc.] dann klopft es laut an meiner tür. Ich öffne und G drückt mir einen camcorder an die brust, er trägt eine neonmagenta lucha libre maske, die ein kollega aus Guadalajara mitgebracht hatte.

 

  • Das muss gefilmt werden. B, wenn du mein kollega bist, dann filmst du das jetzt.

 

Da ich das bin, tue ich das auch. Ein wenig neugierde und spitzheit sind auch am start. Ich traue meinen augen kaum, aber das muss ich auch nicht, die kamera und ihre linsen und elektronik tuen ihre arbeit sehr gut. Das gefühl, welches mich überkommt, ist nicht ein voyeuristisches, sondern ganz und gar Homo Faber: ein objektives beobachten der geschehnisse in der welt, fast ohne affekt, ohne verfälschung. Ich stelle mir natürlich schon verschiedene fragen: ob wir nicht doch etwas tief gesunken sind? Ob verflossene ihn an seinem zauberhaften zabadäus wiedererkennen werden? Ob ich mich durch mitmachen nicht grossartig an exen rächen könnte? Wie sich das alles auf unsere langfristige psychoemotionale entwicklung auswirken wird, dieses bunte umhergepoppe? Ob es überhaupt an mir ist, sich solche sorgen zu machen? Diese zeit der sorgenlosigkeit kann ja so schlecht nicht sein.

Tatsächlich ist es der beginn einer weiteren metamorphose bzw. einer apotheose: Phönix aus der asche einer total verbumsten existenz.

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