Da war einer in Berlin [Versuch eines kritischen Reiseberichts, teil1]]


berlin

 

Man weiss es schon, ich weiss es schon, er muss geschrieben werden, er kann nicht ausgelassen werden, der obligate Reisebericht. Wieso aber diese verpflichtung zum berichten? Kann denn ein schreiberling nicht hier oder dorthin reisen ohne gleich zur feder oder zum keyboard greifen zu müssen? Ich könnte antworten, dass ein anderer Schreiber, der Schriber, mit einer gewissen politesse danach gefragt hat, dass ich meinem können als berichtstatter und mensch von einer gewissen originalität nachkommen soll. Anders gesagt, sage ich: talent ist nutzlos ohne dessen realisierung, verschwendetes potential, fast schon eine art sünde.

Aber um das erfüllen irgendeiner, wenn auch noch so flüchtigen form von obligation, sogar gegenüber mir selber, darum geht es nicht, sonst wäre alles was folgt eine unerträgliche pflichtübung. Das letzte, was man einer vom normalen leben gelangweilten oder erschöpften leserIn zumuten möchte wäre ein weiteres pflichtpensum. Nein, dazu haben wir staat und markt, dafür brauchen wir wahrlich keine schreiberInnen.

Was die sache selbst anbetrifft, das schreiben, so ist es ja jedem wohl bewusst, dass die besten wörter und sätze immer nur einen fahlen abglanz der eigentlichen erfahrung darstellen und der reisebericht, insofern er eine verfehlt wissenschaftliche ambition einer getreuen wiedergabe von tatsachen und erlebtem anstrebt, zum kläglichen scheitern veruteilt ist. Und wenn wir ganz ehrlich sind, würde es sich auch hierbei, wenn auch in verdeckter form, um eine weitere pflichtübung handeln: ein gewisser ambitionsloser hyperrealismus, der aber auch nicht umhin kommt seinen eigenen, sei er noch so trocken, kriterienkatalog preis zu geben. Nein, all das wird wohl diesem unterfangen hier nicht genügen.

Mir ist nach den locker, flockig, unabgegrasten gefielden zwischen erlebtem, gedachtem und sicht- oder unsichtbar dazugeträumten, inklusive der träume die auf genaueren überlegungen beruhen. Im hier und heute zu verweilen oder vom gestern und da zu berichten, dazu müsste ja einer nicht auf reisen gehen. Sonderlich ambitioniert ist das wahrscheinlich nicht, aber es entbindet mich gewisser konventionen, welche, würden sie mich auf FB je befreunden wollen, ich sicherlich “IGNORE”n würde. Ja, man sollte einigermassen wissen, um was es geht in dem zeitalter in welchem man sich befindet, was zu gewinnen und was zu verlieren ist… aber nicht unbedingt sich darin verklammern.

Also, im sinne eins verständlichen reiseberichtes obliegt es mir, als erstes absolut klar zu stellen, dass der gedanke, dass ich ein tourist sein könnte, dass ich tourist war, dass ich wieder tourist sein könnte, mir absolut widerstrebt. Dieser status ist für mich nicht bloss eine frage der nationalstaatlichen zugehörigkeit oder eines VISUM oder arbeitsbewilligungen oder aufenthaltsdauern oder einer sonstig soziologisch relevanten kategorie. Nein, der begriff “tourist” ist in meinen ohren schon immer fast eine anschuldigung, eine beleidigung, die es schwierig ist abzustreiten. Es heisst soviel wie “Du kommst jetzt mal eben kurz in unsere stadt, in unser land, lebst hier ein paar tage als infrastruktureller, sozialer und kultureller parasit und verabschiedest dich dann sang- und klanglos ohne ‘das eigentliche leben’ dieses ortes erfahren zu haben. Für dich alleine genommen wärst du vielleicht noch ertragbar, aber es gibt tausende, millionen wie dich und in dieser fülle seid ihr wie eine biblische plage. Wir akzeptieren euer geld, aber eure gegenwart ist uns eine mühsal”.

Selbstverständlich ist dieser status nicht ganz so drastisch, wie dieser polemische abriss, aber die einheimischen resentiments [ebenso wie die gastfreunschaft] sind definitiv teil des touristischen alltages. Wahrscheinlich ist das problem eher, wenn jemand sich erlaubt in seiner oder ihrer rolle als tourist voll aufzugehen und zu der art von karikatur wird, wie sie DeLillo beschreibt:

To be a tourist is to escape accountability. Erros and failings dont cling to you the way they do back home. You’re able to drift across continents and languages, suspending the operation of sound thought. Tourism is the march of stupidity. You’re expected to be stupid. The entire mechanism of the host country is geared to travelers acting stupidly. You walk around dazed, squinting into fold-out maps. You don’t know how to talk to people how to get anywhere, what the money means, what time it is, what to eat or how to eat it. Being stupid is the pattern, th level and the norm. You can exist on this level for weeks and months without reprimand or dire consequence. Together with thousands, you are granted immunities and broad freedoms. You are an army of fools, wearing bright polyesters, riding camels, taking pictures of each other, haggard, dysenteric, thirsty. There is nothing to think about but the next shapeless event.

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About tmabona

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