Die lenden des jungen G [teil 3]


Aztec Warrior

Und wieder findet man sich in die altbekannten kisten und wieder geht unser kamerad nicht mit leeren händen nach hause. Um genau zu sein, macht er sich noch vor mir aus dem staub, eine U185 grosse, modellmässige rootharige im schlepptau. Ich bin nicht der einzige, der den kopf in erstaunen schüttelt. Das bedeutet keine form von verneinung, aber das war doch ganz anders früher. Er ist also als neues wesen aus seinem kokon geschlüpft: Magnetum Pussyniensis Maximalus. Ich denke mir, dass das eigentlich ziemlich gut funktionieren sollte, diese heilkur für emotionale wunden durch sexuelle überkompensation, da ja nie jemand allen ernstes behaupten könnte, das herz, das hirn und der zabadäus hätten nicht ihre magischen verbindungen oder pneumatischen verkuppelungen. Alles eine frage der richtigen phrasen und funktionierenden ventile.

Ich selber beweise willensstärke und gehe diesmal einigermassen früh nach hause, halb drei, aber leider vergebens. Nebenan sind schon wieder die applaus-ähnlichen koitusgeräusche am erklingen, so laut wie das nur möglich ist ohne den potentiellen nachwuchs an aztekischen kriegern all zu sehr aufs spiel zu setzen. Beinahe stehe ich auf und gehe anklopfen,

  • Sorry, libido und sexual healing in ehren, aber hier ist einer, der möchte schlafen, der hat ein unveräusserliches recht auf seinen schlaf.

Aber ich bin ein so unverbesserlicher diplomat, dass mir das als ein allzu starker eingriff in die intimssphäre erscheint, obwohl mein eigener schlaf und dessen träume ja auch nicht einer gewissen intimität entbehren. Wurde je von der UN festgehalten, dass schlaf ein menschenrecht ist? Ich weiss es nicht und mache mir einen vermerk auf meiner mentalen agenda, eine überlange liste an dingen, die ich vorneweg vergesse. Was ich bräuchte wäre ebenfalls eine gespielin, dann könnte man ein indirektes wettklatschen veranstalten oder wäre zumindest genügend abgelenkt vom eigenen rein und raus.

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Drei wochen später ist es frühsommerlich warm. G, D und ich wagen einen vorstoss in richtung see. Die schwäne sind so frech wie immer, sie denken ihnen gehört alles brot und die stockenten, möwen und taucherli können eigentlich verhungern, wenn es nach ihnen ginge.

Wir sitzen am quai, mit vollen mündern und unterziehen die vorbeiflanierenden massen unseren auf oberflächen basierenden strengen werte-, schönheits- und vorurteilsurteilen. Es ist wie beim schönheitschirurgen, jeder kriegt sein fett ab, ausser wir selber natürlich. Bei mir wäre das eigentlich gar nicht so schlecht, da ich die schnauze gestrichen voll habe von ladies die behaupten sie mögen mein bäuchlein, wenn es eigentlich mein gesicht und hirn sind, welche sie vermutlich einigermassen passabel finden.

Item, wir sitzen also da zu dritt am see. Im leidigen wochenplaner handelt es sich um einen donnerstag, den ersten tag des wochenendes für die ungeduldigen partymenschen und das flachstück vor dem letzten anstieg für die normalen arbeitsweltler. Wir werden anvisiert von vier rucksackträgerinnen. Wie sie näher kommen, kann ich erkennen, dass sie uns so unverholen abchecken wie wir sie, was mir einiges besser gefällt, als das sonst so standardisierte, verlegene wegblicken und wieder hinblicken und wieder wegblicken. An den kleidern und der kombination von haaren, beinen und teint wird mir rasch klar: das müssen U.S. Amerikanerinnen sein. G und D äussern dieselbe vermutung.

  • Verdammt, die checken uns brutal ab.

  • Ich könnte das gar nicht, einfach jemanden so anstarren. Die hören ja nicht mehr auf.

  • Die rechts im roten ist gar nicht so schlecht. Gute beine, shit.

Wieso wir häufig immer noch wie teenager sprechen, ist mir unklar, aber es macht spass. Oder vielleicht redet man so einfach, nicht abhängig vom alter, sondern von der situation, frei vom zwang immer etwas cleveres zu sagen. Ich stehe auf und drehe mich in ihre richtung um eine gewisse konversationelle bereitschaft zu signalisieren. Fühle mich gleich wie ein tier beim balzritual, ziemlich gut also: “Hier sind wir. Wir sehen einander. Man könnte sich unterhalten”. Sie lächeln einander zu und nehmen die minime, notwendige kursänderung in unsere richtung vor. D sieht ein wenig unglücklich aus.

  • Hi guys. [der eröffnungszug schlechthin: sofort mit extremer USA-style informalität vorlegen] How goes it? Looks like heavy lifting. Can you even enjoy Lucerne like that?

  • Sure, extra pain equals extra pleasure. Actually no, let’s do this over, let’s do this right. Hello, my name is Carrie and you are?

Wir lächeln alle und schon sind wir mitten im gespräch, drei zu vier. Freundliche, amerikanische touristinen, da kann man so gut wie nichts falsch machen, sogar wenn mir das herz bis zum hals schlägt. G lässt den blick gedankenverloren zu den alpen hinaus schweifen, ich frage mich, ob er das, wie ich auch, der wirkung wegen macht oder weil er im geiste wirklich irgendwo anders am start ist.

Nach kurzer unterhaltung wird entschieden, dass wir ihnen die stadt zeigen werden und zwar aus der perspektive von drei absoluten kulturhistorischen nullen. Weiteres gelächter. Die Museggmauer wird zum unüberwindbaren hinderniss für die heerscharen des dritten reiches, die häuserbemalungen in der altstadt zum resultat der subversiven aktivitäten einer mittelalterlichen, terroristichen untergrundorganisation (“Yes, really, in Swiss we say ‘They painted the devil on the wall’ ”), kurz gesagt, zu siebt erfinden wir die stadt in der frühsommerlichen hitze neu.  

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