Südafrika 2010: Alles Fussball oder was? [Teil 2, fin]


TalentExchange

Selber spielen statt zuschauen – Bankwärmer dieser Welt vereint euch!

Ins Leben gerufen wurde dieses Gemeinschaftsnetzwerk, welches in verschiedenen Teilen von Kapstadt aktiv ist, von Tim Jenkins, dem Programmierer der Website. Er war ein langjähriger ANC Aktivist zu Zeiten der Apartheid und hat seine damaligen Ideale noch nicht über Bord geworfen. Ursprünglich ging es im Netzwerk nur darum, in einer Gruppe von Wanderern übers Internet Alltagsgegenstände auszutauschen. Doch bald realisierte Jenkins, dass solche Systeme immens hilfreich sein können für Gemeinden, welche randständig sind und kein eigenes Wirtschaftsnetzwerk besitzen. Inspiriert wurde er von Beispielen wie dem Austauschsystem in Neuseeland und Ithaca (USA). Während frühere Talent Exchanges (Talent ist die Währung) am Papieraufwand scheiterten, ist dieser heutzutage dank EDV gut zu handhaben. Trotzdem ist immer noch noch viel Arbeit, vor allem Aufklärungsarbeit, erforderlich. Auf der Website des Talent Exchange wird erklärt:

Der Talent Exchange dient zwei grundsätzlichen Funktionen:

–       Es ist ein Online Geld und Banksystem

–       Es ist ein Marktplatz, auf dem Leute Waren und Dienstleistungen verkaufen

Die Grundidee ist einfach: Man bietet seine Waren und Dienste auf seinem Internet Account an und kann dort im Gegenzug suchen, was in der Gemeinde angeboten wird. Der „Austausch“ findet dann in der eigenen elektronischen Währung statt. Da praktisch niemand in den Townships Computer mit Internetzugang besitzt, gibt es „Banken“, bei denen man sich über Angebot und Nachfrage informieren kann. Die eigene Währung dient dazu, das lokale Wirtschaften zu fördern.

 

Wie du mir, so ich jemand anderem

Um mir ein genaueres Bild machen zu können, interviewte ich in 2008 fünfzehn Mitglieder des Talent Exchange. Diese stammten aus den unterschiedlichsten sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen. Der Gründer Tim Jenkins, den man am besten als pragmatischen Idealisten bezeichnen könnte, erklärte folgendes:

Die Alternative [zu Finanzinstitutionen und Regierungskontrolle] ist, zu realisieren, dass es einen dritten Weg gibt, auf dem Geld geschaffen werden kann.  […]  Der natürliche Weg ist, indem man die Verkäufer und die Käufer, die Leute, die eigentlich an der wirtschaftlichen Produktion beteiligt sind, dies selber tun lässt. […] Und die Grundüberlegung ist, dass alle gleich sind, insofern, dass jede und jeder zur Wirtschaft beitragen kann. Jeder hat Fähigkeiten; manche haben wertvollere Fähigkeiten als andere, aber wir können alle in unseren Gemeinden etwas tun, wir können alle etwas füreinander tun. Und was man tut, muss belohnt werden und der Lohn bemisst sich darin, was man vom System im Gegenzug erhalten kann. […] Zum Beispiel: Im Township hat vielleicht jemand auf der einen Seite der Strasse ein Haus bei dem das Dach am einfallen ist oder gemalt werden sollte und auf der anderen Seite der Strasse ist ein arbeitsloser  Bauarbeiter oder Handwerker. Aber er geht nicht hinüber, um das Haus zu reparieren, weil die Person kein Geld hat, um ihn zu bezahlen. Das ist wirklich dumm, weil da einerseits ein reparaturbedürftiges Haus ist und anderseits ein Handwerker. Also schafft es der Talent Exchange, dort sofort etwas zum laufen zu bringen, weil man einfach sagen kann „Komm reparier mein Haus und du kriegst dafür ein paar Talente [von meinem Konto]“. Man muss am Anfang nichts haben, um es erledigt zu bekommen, vorausgesetzt man kann zu einem späteren Zeitpunkt für jemanden anderen im System etwas erledigen oder Waren verkaufen, die diesem Wert entsprechen.

Mit kritischem Blick auf ein solches alternatives System, stellen sich jemandem, der aus einer funktionierenden Volkswirtschaft  wie der Schweiz kommt, ein paar Fragen: Weshalb genau die eigene Währung? Was, wenn jemand im Talent Exchange nur Schulden macht? Wie viele Leistungen und Produkte sind denn überhaupt in diesem Austauschsystem erhältlich?

Auf alle Kritik antwortet Jenkins in erster Linie, mit einem verschmitzten Grinsen, dass es ein offenes, kritikfähiges Netzwerk ist, das Feedback entgegen nimmt. Da im Moment erst 3’000 Mitglieder mit dabei sind, sind solche Ambitionen noch einigermassen realistisch.

Allerdings flammte bei allen Interviews die lange währende Debatte auf, zu welchem Teil Produkte in der Landeswährung, dem Rand, zu bezahlen sind (z.B. für Materialkosten). Zum Thema der eigenen Währung sagte Jenkins folgendes:

In diesen Townships ist kein Geld, sie sind wirklich Geldwüsten, weil sie nur Schlafzimmervororte sind, die die Leute tagsüber verlassen, um ihr Geld irgendwo anders verdienen zu gehen. […]  Und sogar wenn man das Geld in die Townships zurückbringt, sobald man es [bei einem Einkauf] ausgibt, geht es wieder raus. Weil man es im Pick’n’Pay [oder einem anderen Grossverteiler] ausgibt, der einem Auswärtigen gehört. Man gibt das Geld nicht wieder in der eigenen Gemeinde aus, also fliesst das Geld ständig heraus, das Geld und der wirtschaftliche Mehrwert bleibt nie in der Gemeinde.

Mit anderen Worten, die eigene Währung schafft den Anreiz die Dienstleistungen und Güter aus der eigenen Gemeinde zu beziehen und somit die lokale Wirtschaft zu fördern. Da das Geld rein virtuell auf einem Internetkonto vorhanden ist, kann es einem nur schwer gestohlen werden. Das ist in den Townships mit ihren häufigen Raubüberfällen ein wichtiges Argument, erklärte mir die Teilnehmerin Thabisa*, die 36-jährige Geschäftsleiterin einer Talent Exchange Bank.

 talentbank

Fairplay im Talent Exchange

Ein grösseres Problem, ist die Verschuldung: angesichts der idealistischen Ausrichtung des Netzwerkes, seines informellen Charakters und den seiner begrenzten Ressourcen, gibt es kein offiziellen Sanktionen. Man vertraut auf die Eigenverantwortung der TeilnehmerInnen. Während meiner eigenen Zeit, in der ich im Talent Exchange mitgemacht habe, sind mir sehr wenige Mitglieder aufgefallen, deren Kontostand stark im Minus war. Man darf im Minus sein, damit jene Leute, die am Anfang wirklich gar nichts haben, mit einem Kredit in das System los starten können. Andererseits, soll die absolute Transparenz (man kann für jede und jeden den Kontostand einsehen) dazu führen, dass sich die TeilnehmerInnen  gegenseitig regulieren: wer zu stark in den roten Zahlen ist, mit dem wird nicht mehr gehandelt. Oder um beim Thema zu bleiben: Dem wird der Ball nicht mehr zugepasst!

Allgemein dient der Kapstadt Talent Exchange aber dazu, genau wie Fussball als Volkssport, das soziale Gefüge Südafrikas wieder zu stärken. Dafür braucht es jedoch viel Eigeninitiative, erklärt Nomsa*, eine 21-jährige Schneiderin aus dem Township Kayelitsha.

Man muss das Talent Exchange System lernen wollen. Geh nicht ins Talentsystem, weil das die anderen auch tun […], aber gehe immer wieder, bis du’s verstehst. Dann siehst du, dass du im Talent Exchange Spass haben kannst, unendlichen Spass.  […] Die Herausforderung ist, an die Gemeinschaft etwas zurückzugeben. […] Also das Beste mit dem Talent Exchange ist…, auch wenn wir häufig keinen Job haben, wir können unser Leben ändern, aber das hängt alles von der einzelnen Person ab. Will die Person ihre Lebenssituation ändern? Wenn die Person ihr Leben verändern will, ja, dann wird die Teilnahme am Talent Exchange ihr Leben verändern.

Angesichts der momentan beschränkten Grösse des Talent Exchange, betonten alle InterviewpartnerInnen, dass dieses Netzwerk nur ergänzend zur normalen Wirtschaft verwendet werden kann. Viele Dienstleistungen und Güter sind schlichtweg noch nicht verfügbar. In diesem Sinne hat das Austauschsystem ein utopisches Element, da es versucht, eine neue Liga, eine neue Wirtschaft zu erschaffen, die erst in ihren Anfängen existiert.

Falls Sie sich also, liebe LeserInnen, 2010 ans Kap der guten Hoffnung begeben, können Sie dort mehr als bloss die Fussballkünste der Nationalmannschaften bestaunen, sondern an einen der allmonatlichen Markttage oder eine der lokalen Banken des Talent Exchange gehen, um zu sehen, was andere Südafrikanische Teamspieler zu bieten haben.

 

* Name vom Reporter geändert

 

 

Weitere Websites und Lektüre:

 

  • R. W. Johnson „South Africa’s Brave New World“

 

  • Steve Biko  „Ich schreibe, was mir passt“

 

 

 

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