Was für ein Ballwechsel! [t.1]


Badminton

 

Das einzige was sie tun kann, ist sich in sich selbst zurückzubündeln, diesen paradoxen trick zu versuchen sich selbst zu werden,  nur sich selbst, ohne anstrengung, sogar ohne es zu probieren. Das schloss zu völliger selbstkontrolle aufzuschliessen, das racket als verlängerung ihres seins, das-auf-den-boden-fallen des shuttles auf der anderen seite des netzes, als ihre ultimative existenzberechtigung… solange sie sie da ist, um zu atmen.

Der ungestüme lärm der menge und ihre vielköpfigen anfeuerungsrufe für ihre gegnerin, Junko Koreeda, die sich unscharf jenseits des filigranen schleier des netzes bewegt, reduziert sich auf ein simples umgebungsgeräusch. Es gibt nur die zehn-geteilte fläche des single badmintonfeld, welches das gesamte, absolute spielfeld ihrer existenz darstellt, der raum der möglichkeiten, innerhalb dessen sie sich realisieren muss. Jenseits davon, gibt es nur dunkle schatten, wie alptraumhafte assgeier, welche den court umzingeln. Aus diesem dunkel heraus verleiht  die masse der zuschauer ihrem zustimmenden, stimulierenden, unkoordinierten gebrüll ausdruck.

Absolutes sein innerhalb ihrer selbst, einzig und alleinige relevanz ihres eigenen körpers. So wurde Yi trainiert, jedes match, die sätze darin und die punkte in jedem satz zu verstehen. Es gibt keine „big points“, es gibt nur diesen einzigen, wunderschönen drop, slice, drive, smash, clear…. wisse welchen! Wisse es bevor dus weißt. Die Sache ist die: jeder schlag geschieht in eigener sache. Für Yi ist das herzenssache.

Es ist, womöglich, der letzte anschlag des letzten satzes, aber es könnte genauso gut, was sie anbelangt, der erste des ersten sein. Es gibt nichts anders, das universum ist vollständig, badminton perfekt. Der kopf des shuttles zeigt nach unten, ihr gewicht verlagert sich auf ihr rechtes bein, das hintere, gefolgt von einem vorwärts und aufwärts schwingen ihres rechten armes. Ohne verzögerung, beschreibt der federball einen steilen steigflug in richtung des weit, weit oben gelegenen hallendach, an dessen höhepunkt er umdrehen und seinen zentimetergenauen anflug in richtung der langen anschlaglinie fürs single machen wird. Die langen anschlaglinien sind zwei von vier grenzen des existierenden universums. Der spezifische name des universums ist badminton.

Yis gegnerin in gelb bewegt sich zur hinterseite des feldes, ihre beine wie scherenklingen und schraubt sich, im exakt korrekten moment, in die luft hoch. Sie weiss, was geschieht, bevor es geschieht, aber, da sie Koreeda keine vorwarnung geben darf, kann sie ihren körper bloss in stellung halten um zu tun, was sie in einer bruchteilssekunde gleich tun werden muss. Dann tut. Yi trippelt in einem affenzahn seitwärts zurück übers feld, sodass es wie die spieglbewegung von dem was ihre gegnerin auf der anderen seite des netzes gerade vollführt hat aussieht. Ausser, dass sie höher hinauf springt und, statt den hohen clear zu replizieren, auf die hinunter säbelnde zerstörungskraft eines richtigen smashes setzt.

Der shuttle beschleunigt mit ca. 300km/h in richtung des oberkörpers, vielleicht sogar genau gen herz, der sich auf dem vormarsch befindenden J.K. Die Menge schnappt nach luft und schreit, einzelne individuen geben ihre loyalität kund. Sie haben eben eine reichhaltige kostprobe einer des spieles markantesten geste erhalten, der smash, welche zwei zentrale aspekte vereint:  den rapiden abstieg des federballs in richtung feindliches territorium,  gegenüber der zartheit des federnen bällchen. Es gibt so etwas wie den kosmos des reinen spieles, der sich hie und da in seiner pracht offenbart.

Vorallem Yis smash, hoch, elegant, mit der kraft Zeus’, in seiner vom himmel geschleuderten wut, wird in badmintoninteressierten in-gruppen  als eine art apotheose betrachtet. Für sie ist es bloss ein weiteres element davon, sich selber zu sein, atmend, laufend, ihr feld gegen die katastrophe des federball aufpralles verteidigend.

Die pupillen von Koreeda, in gelb, weiten sich beim anblick des auf-das-herz-gerichteten fluges des shuttles, aber ihre arme und beine sind schon an der arbeit, um eine gegenoffensive zu koordinieren.

Unterdessen ist Yi, die-mit-dem-göttlichen-smash, auf dem weg ans netz, da sie verständlicherweise auf einen schwachen, zu hohen return spekuliert,  den sie gnadenlos abschiessen kann. In diesem universum ist das berühren des bodens durch den federball innerhalb der vier grenzlinien des einzelfeldes der tod. Jenseits dieser, kehrt der sensemann an den absender zurück.

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