Die lenden des jungen G [t.II]


vodka1

Plötlzlich steht G im wohnzimmer, mit badmintonshorts, kniehohen socken und nacktem oberkörper, den rechten arm in die hüfte gestemmt, in der linken uns eine flasche entgegenhaltend. Sein langes, schwarzes haar reicht fast bis zu den schultern und das skarabäus tatoo auf seiner brust sieht aus, als ob es jeden moment loskrabble. Fast sieht man, dass seine grossmutter aztekin war, eine kriegerische grundhaltung des gesamten körpers. Als nächstes fällt mir auf, dass sein gesichtsausdruck nicht mehr aussieht wie 10 tage regen. Er lächelt verhalten, das wort “verschmitzt” erscheint, vermischt sich mit dem ausdruck “zufrieden”. Die viel zu starke halogenlampe zeichnet seinen schatten an die wand, den einer giacometti figur, die ins schlachtfeld zieht. Er sagt genau das richtige

–       Zeit für ein bisschen Absolutismus!

–       Ahh, ich weiss nicht, ich wollte morgen früh aufstehen, ich hab nächste woche eine ausstellung in Utrecht. Ich will mit dem zug hin.

–       Ähm, ich war gesten schon 20’000meilen unterm meer. Ich glaub ich sollte meinem körper mal ne chance geben. Und, ach ja, ich treffe mich montag mit meiner neuen agentin. Der erste eindruck, etc.

–       Kommt hey.  Ausstellung, schmaussstellung. Jetzt komm ich endlich wieder auf die beine und ihr macht einen auf kollegenschweine.

Unsere ausreden klingen mechanisch und abgenutzt, man müsste sie wieder mal ölen, sind auf jeden fall nicht etwas, was motivierten samstagabend vorhaben ernstlich im weg stehen könnte. Zudem haben wir eine stillschweigende abmachung, dass derjenige der reimt, immer im recht ist.

Eine halbe stunde später, schlürfe ich halbwillig meinen zweiten Vodka-Cola. Absolut, ein name der keinen widerspruch duldet, ein name der programm ist. Wir haben eine gute selektion an alkoholika, aber fast nie die nötigen softdrinks, um irgendwelche spektakulären drinks zu mixen. Das meiste bewegt sich geschmacklich gerade oberhalb des niveau hustenmedizin.  Was uns offensichtlich alle motiviert, ist Rs wiedergefundene ausgelassenheit, dass wir jetzt nicht mehr fürchten müssen, ihn ins insektenheim zu geben.

Die discos und die musik sind immerdieselbe, dafür ändern die gesprächsthemen und sprüche, welche man einander ins ohr schreit und sporadisch sind da leute, die man noch nie gesehen hat und mit denen man ins gespräch bzw geschrei kommen kann. Wir gehören zufälligerweise alle drei, G, D und ich, in die kategorie “gutaussehend”, ein natürliches privileg, dem man sich so wenig bewusst ist, wie laufendes wasser, des funktionierenden sozialstaats und all der anderen dinge, die einfach immer schon irgendwie da waren, ohne dass man sich sonderlich darum bemüht hätte.

Aber G kombiniert diesen status noch mit seinem aztekischen je ne sais quoi und aus gletschereis geschnitzten augen, wodurch das ergebnis, wenn man an die hauptmotivation des durschnittlichen discogängers denkt, sehr positiv ausfällt. Die köpfe der damen drehen sich nach ihm, unbeschwertes partygeplauder vermischt sich plötzlich mit kulturellen spekulationen. Dies führt danach, um 5 uhr morgens, zum besagten klatschgeräusch. Dass es solche soundeffekte geben kann ist natürlich klar, aber ich frage mich, wie es sein kann, dass es so laut ist. Schlafen wird schwierig, aber irgendwie, zwei trinknächte im gebälk, schaff ichs dann doch.

Zur Ausnahme haben wir am nächsten morgen so etwas wie ein sonntagsmorgen brunch. D ist einkaufen gewesen und jetzt stapeln sich auf dem tisch die brötlein, butter, marmelade, fleisch, früchte, fruchtsaft,  etc. in einem riesigen gebirge von delikatessen.

Ich hätte erwartet erwartet, dass G, neben ihm sitzend, vom einen zum anderen ohr grinst, aber er schaut einfach nur müde drein, verständlich, und ein wenig business-mässig, als ob er gerade einen lukrativen vertrag abgeschlossen hätte.

Eine kleine brünette huscht an mir vorbei und will sich um meinen kollega schlingen, aber er bewahrt geschickt seine distanz und stellt mit seiner körpersprache klar: “Sorry, O.N.S, mehr liegt echt nicht drin”. Beleidigt streicht sie sich ein brötchen, während wir uns bemühen, sie einigermassen höflich zu ignorieren.

>>> 

Am nächsten freitag abend, erschöpft, öffne ich den kühlschrank um zu sehen, was in meinen magen transferiert werden sollte. Es ist wochenende. Freitag, samstag ist unsere wg oft eine art wanderzirkus für den kollegInnenkreis, eigentlich eine gute sache, aber manchmal etwas strapaziös, vorallem wenn man lust hat, nur seinen eigenen gedanken hinterherzuspringen oder nicht davon überzeugt ist, dass ausgang am samstag ein goldenes dogma ist. 

Entgegen aller vernunft, steht der kalte vodka da im kühlschrank und wartet darauf konsummiert zu werden. Ebenfalls präsent sind zur ausnahme richtig passable mischvarianten: sprite und cranberrysaft. Bald erscheint eine ziemliche anzahl von leuten, auch unbekannte gesichter, die berühmten kollegen von kollegen mit denen man nie so richtig etwas anzufangen weiss. G scheint in bester laune, die vier trauerwochen sind längst vergessen, L höchstens noch ein schatten, der hie und da übers gesicht huscht.

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