Die lenden des jungen G [t.I]


stickInsect

Ich glaube das lächerliche daran, falls lächerlich überhaupt das treffende wort ist, falls es überhaupt ein treffendes wort gibt, falls menschen überhaupt je zu sprechen hätten beginnen sollen, nun ja, das lächerliche ist, dass es wie klatschen klingt. Und nicht das unbegreifbare buddhistische klatschen von einer hand allein, nein, das reguläre post-performance anerkennungsklatschen mit dem man einer künsterlin oder einem künstler zu verstehen gibt “Ach du liebe güte, das hät ich nie gekonnt. Das einzige was ich wirklich so mühelos ohne vorbereitung kann, ist meine beiden hände zusammenzuklatschen. Schau mal, hör mal, genau so.” Natürlich heisst es auch so viel wie “Ja, Sie sind grossartig und es war wirklich keine zeitverschwendung, dass ich hier hingekommen bin. Ausser, meine hände sind etwas kalt und mein kreislauf schwach. Aber ich weiss schon, wie ich dem abhilfe verschaffen kann” Klatsch, klatsch, klatsch, klatsch, klatsch. Bis die handflächen leicht zu brennen beginnen. Man will ja nicht da stehen, vor einem künstler der sich so verausgabt hat, und selber keine leistung erbringen. Im extremfall benutzt man es dann auch als machtmittel, klatscht weiter bis einem beinahe schwindlig wird und weiss eigentlich gar nicht wieso, die nebenan tuts auch, der vorne sowieso, der hat nur drauf gewartet, hinter mir eine wand von klatschen, also muss ich auch… also klatscht man bis zur besinnungslosigkeit und stellt somit klar: du hast hier zu bleiben, du hast weiter zu performen, wir haben viel geld bezahlt und du gibst uns nun unsere verfluchte show oder wir klatschen dir die ohren weg, verstanden?

Kann sein, dass ich mich verliere, kann echt gut sein. Es geht ja hier um etwas anderes. Es ist lachhaft, dass es nach klatschen klingt, es gibt niemanden zu gratulieren ausser einem selbst, die person die das alles klar gemacht hat, vor zwei, drei stunden im club.

Das geräusch kommt vom zimmer nebenan, klatsch-klatsch-klatsch-klatsch-klatsch und ich weiss genau: da wird keiner künstlerin gratuliert. Es ist gepaart mit einem stöhnen, wie es einem von der forpflanzung her bekannt ist; man/frau ergibt sich dem moment, vergessen geht, dass es andere leute gibt, die evtl schlafen möchten.

Mit wem ist er da am start, unser kollega? Es ist die kleine, blonde, kurvige, leicht intellektuell dreinschauende vom Lento (der name, so daneben, es ist köstlich). Wenn ich es nicht besser wüsste, ich müsste angst haben er behandelt sie gewalttätig und zu einem gewissen grad stimmt das ja immer auch, gemäss dem müden spruch: no pain, no gain. Aber schmerz auf dem weg zu einer erleuchtung oder einer einsicht fürs leben, so hohe, idealistische ansprüche haben wir uns heutzutage abgeschminkt.

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Vier wochen hatte G sich kaum aus seinem zimmer bewegt nach dem es schluss war mit seiner ex, L. Die hat sein herz gefressen und dann rausgesch*ssen, ein trauma, dass man nur mit grössten mühen überwinden kann. Er ist emotional sensibel, G hat fühler wie ein psychotherapeut, aber nicht dessen schutzpanzer. Wäre er ein insekt, wir hätten ihn sicherlich sterben lassen. Wir, das sind D und ich. Stattdessen lockten wir ihn ab und zu zur nahrungsaufnahme aus dem kokon seines zimmers heraus. Duftige gerichte bereiteten wir zu, sodass die botenstoffe den korridor hinuterschweben konnten, unter der tür durch und zack, in die nase rein. Sein körper sieht hungrig und ausgedörrt aus. Wäre er ein insekt, hätte man sagen können “Du bist ein steckenkäfer, mein lieber, phasmatodea”.

Er ist schon immer ein schlanker schlaks gewesen, keine frage, aber seit L einen abgang gemacht hat, sind die ausmasse bzw der körpermassindex, bedenklich geworden und es hätte wahrscheinlich nicht mehr lange gedauert, bis wir ihn zum doktor geschickt hätten oder zum seelenklempner, was ein wenig ironisch ist, da er selber psycho studiert hat. Aber das ist wie mit dem neurochirurgen, die können sich ja auch nicht sich selber die schädeldecke entfernen.

Was ich sagen will: eine zeit lang wurde er dünner und noch dünner. Vier wochen plus ging das so. 30tage und 30nächte fragten wir uns, ob er irgendwann wieder aus seinem emotionalen cocon herauskommt, die zimmertür öffnet und weiterzuleben beginnt. Im Coop kauften wir seine lieblingsartikel, weil er selber emotional nicht mehr wirklich zum einkaufen im stande war, er wäre vor einem regal kollabiert. Total verheult mit einer packung chips in den armen wie das Jesuskind. Zweifel. Man hätte die behörden kontaktiert, ihn dann eingeliefert, ins Naturkundemuseum versteht sich, das grösste terrarium aller zeiten. Entomologen hätten sich die köpfe eingeschlagen, ob das wissenschaflich vertretbar sei.

Am weekend der vierten woche sitzen wir, D und ich, samstag-abends vor dem TV, mit ritueller andacht als auch viel zynismus, auf jeden fall sehr darauf bedacht unsere kritische distanz zum uns präsentierten medialen massenprodukt zu waren. Wissendes lächeln wird ausgetauscht, ideen von Eagleton und Baudrillard und Badiou freizügig umhergeworfen, wir müssen das nicht nur aus achtung vor uns selber und damit wir einander am nächsten tag noch in die augen sehen können tun, es ist auch eine der wenigen methoden die unerträglichen sendungen von rtl bis SF drs ohne bleibende hirnschäden zu ertragen. G schmollt in seinem zimmer, halb-traurige musik ist zu vernehmen, Mr. Henderson. Kann sein, dass er sich alte fotos anschaut oder die schlüsselmomente der beziehung noch einmal innerlich revue passieren lässt.

Wir sitzen also da, beide mit einem bier in der hand, die einzige konzession daran, dass es sich, wenn man so will (und viele leute wollen), um eine männer WG handelt und starren richtung glotze. Wieso? Wir erhohlen uns von unseren schweisstreibenden künstlerischen tätigkeiten, D wirklich, ich tue so. Am TV sind halb-nackte junge damen, sie sagen etwas, aber alle wissen, dass es, sogar wenn es nicht hochgradig trivial wäre, egal ist. Man schaut hin und denkt “Das ist eine tragödie, tun wir so als ob es eine komödie wäre. Das schmerzt weniger”. Dann wird gelacht, aus dem bauch heraus, vorbei am blutenden herz, bis das exoskeleton der alltagsgewohnheiten zu zittern beginnt, als ob man von 1000 flügen gegen die scheibe nichts gelernt hätte.

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