änne luzärn [pt.1]


luzern2

Hey du! Ja du, verdammt noch mal! Der du so zu lesen begonnen hast, wahrscheinlich sogar noch mit der haltung: der leser ist king. Der muss unterhalten werden oder was dazulernen, sonst kann er oder sie sich ja gleich vor die glotze setzen. Oder die, die wie in „die leserin“. Muss entertainment serviert bekommen, pronto. Etwas reisserisches wenns geht, wenn möglich mit humor, sex, drogen und einem gewissen schuss interlekdualität, damit man als leserIn sich nicht schlecht fühlen muss. Vonwegen „Ach nichts, bloss trivialliteratur“, sondern „Ja, absolutes entertainment, aber mit köpfchen sag ich dir. Immer wieder mal was philosphisches eingestreut“. Aber lesen ist nicht wunschkonzert, das lernte ich in der ersten woche der ersten primar.

Ich, Melchior Schtruunz, bin hier um von Luzern zu erzählen, der fehl eingeschätzstesten stadt der ganzen weiten welt. Nun ja, ob mirkometropole, stadt oder dorf , da kann man sich streiten, aber als ureinwohner beharre ich natürlich auf ersterem. Um genau zu sein, es geht nicht mal um die stadt, also nichts historisches, kulturelles, interlekduelles etc. dazu weiss ich zu wenig, wie jedeR immer zu wenig weiss über den ort von dem man herkommt, wo man in die welt geplumpst wurde, wie die fische so gut wie gar nichts übers wasser wissen. Bin ich doch noch genauer: nicht über Luzern per see, auch nicht über Luceria, welches eigentlich Luzern ist, aber nicht ganz, nur im kopf, sondern über einige der mir bekannten hier einheimischen.

Am einfachsten beginnen wir einfach mit einem kleinen verhör. Setz dich bitte auf den holzstuhl da drüben. Danke. Jetzt die hände bitte. Wie? Natürlich ist es nicht bequem, das ist ja überhaupt nicht der sinn und zweck der sache. Lass es mich dir sagen, das leben ist kein kinderschlecken. [Du machst nochmals irgendsoeine halbschlaue bemerkung und ich knalle dir eine, sodass dir hören und staunen vergeht. Den konsum eines blogeintrages hattest du dir witziger, vor allem schmerzfreier vorgestellt. In den ohren ist jetzt so ein summton, biiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiib und die eine hälfte der wiesasche fühlt sich hochrot an. Wäre das nicht alles frei erfunden, du wärst echt gepisst.]

1) Hast  du dich auch schon an einem heissen tag, nicht unbedingt weil es heiss war, sogenanntes schönwetter, aber einfach weil es nicht viel gescheiteres zu tun gibt, richtung ufschötti begeben und hast dirs dort auf dem fleischhügel bequem gemacht? Fleischhügel, mein gott. Rucksack, badetuch, migrosgetränk (mivella gelb, das wärs noch), speedmintonset und evtl sogar irgendein „denken? nein, danke“-buch (z.b coellho oder irgendein anderer, der die welt mit tränigen adverben vermessen hat). Dich dann zum 1000ten mal gefragt was denn bitte sehr eigentlich diese unglaublich hässliche skulptur soll, aus der einfach niemand klug wird und von der man normalerweise denkt, dass sie nur da steht um den begriff „hingeschissen“ drastisch zu illustrieren. Nicht, dass du ein problem mit moderner kunst an und für sich hast, nein, du gehst ja hie und da ins museum und kannst ein, zwei sätze piepsen, wenn einer von Dahli zu schwätzen beginnt, aber das hier, diese „skulptur“ (schon nur dieses wort ist ein viel zu grosses lob), dieser rot-weisse lari-fari bullshit, welche genau im herzen der Luzerner freiluft-oase augenkrebs fördert, ist ja nun wirklich das allerletzte. Wenn man wüsste wer das erschaffen, bzw. hingeschissen hat, das wäre noch langt nicht verjäht, die person müsste verhaftet und bestraft werden, z.b. öffentliche räderung auf eben der „ufschötti“, mildernde umstände ausgeschlossen.

Es ist eigentlich eine rasenfläche, umrahmt von hügeln, am einzigen sandstrand der ganzen stadt und somit so glasklar zum freiluftsport vorherbestimmt, als wäre sie durch weisse linien unterteilt und von sitzplätzen umsäumt…. wenn man nun dieses deformierte gebilde mit einem oder zwei riesenhelis (kapazitate sind ja in unserem lande wahrscheinlich vorhanden, man müsste sie von einer wichtigen soldatentransfermission [z.b. sion – bern, der zug wäre die reinste zumutung] abrücken) also mit ein, zwei, drei monsterpumas (oder wie die viecher heissen) in die lüfte heben würde und gemäss der ursprünglichen zielverfolgung der sinnlosen vermiesung sportlicher betätigung, in der mitte des FCL stadion abwerfen würde? Würde dies auch als landschaftsästhetisch sinnvoll empfunden? Würde man sich im sommer als echt blau-weisse person statt auf dem fleischklops plötzlich in einem lausigen stadion sonnen wollen? Man weiss es nicht. Zumindest wären das kunstwerk und das fussballerische niveau auf dem selben level der verschissenheit.

Aber nein, das war nicht so, weder damals noch heute. Irgendsoein hundsverdammter, freigeistiger, aber leider sehr charismatischer/einflussreicher städteplanungsplatzhirsch [wer entscheidet solche sachen im labyrinth der bürokratie?] hatte wohl eine eingebung, eine vision oder einem siebt-klassigen skulpteur noch einen gefallen zu gut, von einem verlorenen saufspiel zu sekzeiten. Man weiss ja wie solche geschichten laufen.

Auf jeden fall, falls dir oder Ihnen, geirrte Damen und Herren, solche überlegungen von der ufschötti her bekannt vorkommen, kann es gut sein, dass sie sich innerlich auf die schulter klopfen dürfen und denken „Ja, das kenn ich doch, ich bin LuzernerIn. So oder so ähnlich habe ich es auch schon erlebt“. Wenn es Ihnen aber nach anderem steht, können sie natürlich auch denken „Luzern ja, aber der rest? Der ist mir zu reisserisch, zu krud, der macht auf show, das passt mir gar nicht. Nein danke. Gib mir das feujeton, schatz.“ Bitte sehr, man kann sich ja gegenseitig nichts vorschreiben, also man kann schon, aber es kommt dann meistens eine misere dabei raus.

Ich richte nun also den brennstrahl des lichtes wieder auf dich, heisser als anno dazumals der sommer 2003, zum erblinden. Dann schreite ich um den tisch und den stuhl auf dem du sitzt herum und zerre an den stricken, bis sie wieder richtig eng anliegen und das blut beinahe in den armen zum stehen kommt. Rückstau bis ins herz, arrüthmie, stillstand, memento mori, hab dich nicht so warmduscherisch, es gibt schlimmere schicksale.  Ich sags noch einmal, evtl zum letzten mal: das ist ein, wenn auch nur kleines, verhör. Es geht darum deine städtische zugehörigkeit zu bestimmen, aber nur in bezug auf ein kleines kaff einer stadt, welches einem ständig mit der selben lahmen frage belästigt: hasst du mich oder liebst du mich?

2) „Aso luzärn esch eifach so nen schöni stadt“ diese art von satz hast du schon zig tausend male in deinem leben gehört, sodass du dir ernsthaft überlegst auf das hören solch einer art von aussage eine gebühr zu erheben. 1CHF, nur ein stutz, du wärst reich, du wärst eine millionärin! Prinzipiell, rein von den ästhetischen kriterien, dem städtebaulichen, den mittelalterlichen gebäuden, der geographischen situierung, den infrastrukturellen qualitätsstandards, dem spektakulären seebecken, kannst du dieser aussage 100% beipflichten: sie ist rational, sie ist korrekt, sie liesse sich empirisch nie und nimmer widerlegen. Aber trotzdem. Wir sind ja nun hier wohl alles LuzernerInnen und brauchen uns nicht noch gegenseitig honig ums  maul zu prostitutieren, dass wir es „geschafft“ haben hier zu leben. Wir wurden hier geboren, sind hier zur schule gegangen, können die sprache, kennen die leute, es ist nicht die höllenleistung schlechthin, dass wir nun also in dieser hübschen stadt leben. Was die nicht-wirs anbelangt: sorry!

Was Peti Bichsel für den Schweizer gesagt hat, gilt gerade nochmals 10’000 mal mehr für die LuzernerInnen: sie denken LuzernerIn sein ist eine leistung, die beachtet  und gelobt werden muss; und was ich vielleicht anfügen würde: dass man Luzern, wie ein kleines kind, nicht aus den augen lassen darf, ihm immer gut zureden muss „Ja, ja, braves Luzern, schönes Luzern“, da man sonst eines morgens aufwacht und plötzlich ein fribourg am vierwaldstättersee vor der tür hat: dreckig, kriminell, als ob man nicht in der schweiz sei. Aber wenn man diese elterlichen Luceria…. ähm, Luzern-beschwichtiger fragt: Wann wurde die Kappellbrücke gebaut? Dann zucken sie bloss die schulter und dies ohne mit der wimper zu zuckern. Als ob es ihnen irgendwo in den genen stünde, sie, die sie LuzernerInnen sind, so Luzernerisch, dass sie nicht mal mehr irgendwas über die stadt zu wissen brauchen.

Ich muss wohl an dieser stelle anmerken, dass wenn ich die begriffe „man“, „Luzerner“ oder „du“ verwende, ich meistens oder fast immer, eigentlich jedes mal, mich selber meine, Jost Schtruunz; ich dem text aber das bisschen zugkraft, welches er hat, nicht entziehen möchte. Indem sinne „man“, „Luzerner“, „LuzernerInnen“, „du“, „einem“ und andere verzweifelt nach dem leser greifende gadgets.

Zurück zu dieser leidigen, variantenreichen floskel: „ So schön do in luzärn“. Ist auch eine aufforderung an die anderen anwesenden LuzernerInnen. Wer wirklich von hier umher ist hat jetzt einzustimmen „Jo, eifach onglaublech. Ech mein, log emol de pilatus. Fuck!“ etc. Und das schön reihum, ein kollega nach dem anderen leiert irgendeine variation dieser kleinen formel herunter, einem sprüchlein, welches man beherrscht seit man das erste mal aus dem warmen, exotischen, aber überlebensfeindlichen ausland bzw einem ferienressort zurückgekehrt ist. Es ist das gemeinsame beschwören/forcieren eines wohlfühlmomentes und riecht so stark nach psychologischem selbstschutz, dass einem manchmal fast das kotzen kommen könnte. Und zwar wegen der frage: wie oft? Wie oft noch? Kann man nicht einfach hier leben, es ab und zu geniessen und basta? Ich meine: sehe ich aus wie ein verdammter Zauberlehrling, dass ich immer diese magische formel aufsagen soll? Egal, wir sagen und wissen es auch: es ged schlemmers!

Mein punkt ist der, dass wenn dir das alles irgendwie bekannt vor kommt, es nicht unglaublich weit hergeholt wäre zu denken, dass du aus Luzern kommst, dieser wunderbaren, himmlischen, verzauberten, ganz einmaligen stadt im herzen der helvetischen fiktion.

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