Joelle “Schnee” Wittschen [pt.I]


snowflakes 

 J. S. W. wirbelt in einem dreh herum, während ihr tränen schon im überfluss aus ihren bezaubernden, mandelhaften augen strömen und ihr zerrissener, weisser rock ihre roten, blutenden knie umsäumt, die auf dem schwarzen plastik eines abfallsackes ruhen. Sie bittet inständig

–      Ach, werter Profikiller, verschone mich! Ich werde in die wilde stadt Luceria entfliehen und nie wieder nach hause zurück kehren.

Und sie ist so wunderhübsch, dass sich der auftragsmörder ihrer erbarmt und sagt:

–      So spring fort, du armes kind.

„Die sucht wird sie bald dahingerafft haben“ denkt sich der profikiller Jesus „kein ding“ Mercurio und trotzdem scheint ihm, es sei ihm ein stein vom herzen gerollt worden, nun da er sie nicht mehr umbringen muss. Und als der auftragsmörder zurückkehrt, bringt er stattdessen den strassenköter um, der ihn zuvor angegriffen hatte und weidet dessen herz und lunge. Diese innereien retourniert Mercurio an die psycho stiefmutter Henriette Trefoil die, nachdem sie den koch diese wie die aller beste französische delikatesse zubereiten lässt [z.b. coq au vin], die ganze sauerei mit grossem, widerwärtigem gusto verschlingt.

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Koks, das ist das absolut einzigste woran Joelle „Schnee“ Wittschen jetzt gerade denken kann, sie muss jetzt wirklich genau in diesem moment ein bisschen stoff klar machen. Korridor riecht nach pisse, arm juckt wie wild, der bauch rumort, scheissegal. Joelle hatte ihre letzte mahlzeit vor langer, langer… plus isst sie ja sowieso nie sonderlich viel [denkt sie hat in ihrem leben nichts gutes verdient], was heisst J. „Schnee“ Wttschen ist ein echt dünnes stäbchen einer frau, aber nichts destotrotz verdammt gut aussehend: toller vorbau, fabelhaftes gesicht, hypnotische augen, gute beine, malerisch kurvenreich, die ganze s.c.-freie geschichte. Aber jetzt ist Joelle hier, gepeinigt, nach zwei dünnen, weissen linien lechzend, stampft sie wie wahnsinnig den gang hinunter, so dass niemand auch nur je vermuten könnte, dass sie, falls notwendig, des geradlinigen staccatos mit dem models ihren lebensunterhalt bestreiten fähig ist.

J. „Schnee“ Wittschen ist vor ein paar wenigen minuten in diesem gebäude erwacht, ohne, dass sie die geringste ahnung hätte, wo sie sich befindet oder wie es sie hier hin verschlagen hat. Altra Luna, ja, aber wo genau in dieser riesigen metropole? Ignorieren. Was jetzt zählt, ist, dass sie sich eine ladung des guten alten koks ergattern, oder besser gesagt, reinziehen kann.

Von der einen zur anderen seite schlänkernd, stösst sie sich so lässig von den wänden ab, als ob dies eine total alltägliche fortbewegungsart wäre. Die nächste tür an der sie vorbei kommt, hat auf der rechten ein schuhregal, welches mit latschen überquillt. Joelle schaut sie sich kurz an [sauber, teuer, winzig]  und nimmt deshalb an, es handelt sich hierbei um eine bleibe zuverlässiger leute, was natürlich eine absolut lächerliche methode ist, um herauszufinden ob es sich um anständige typen handelt: einfach halbschuhe, wanderstiefel, turnschuhe, etc. zu studieren, aber in den wehen ihres verlangen nach  schnee, verlässt sich Joelle manchmal noch auf viel ausgefallenere erklärungsmuster.

Egal, das ist J. „Schnee“ Wittschens stehgreifmethode um herauszufinden, ob es o.k. ist zu klingeln, bevor sie noch mehr haarsträubendes, theatralisches getue aufführt, um sich ein wenig kohl€€€ zu erschnorren. Ein schauer läuft ihr herrlich gekurvtes rückgrat hinunter, dass sie hier draussen ist, in diesem zustand, diese scheisse am abziehen, immer noch. Das ehemalige modell verflucht still ihre stiefmutter, während die tür aufschwingt.

–      Hallo, guten tag, ich heisse Joelle, Joelle Wittschen. Tut mir leid… tut mir echt leid, dass ich hier einfach so an ihrer tür klingle.

–      Kein problem. Ich heisse Charlie Durtschknalla, freut mich, Joelle.

–      Freut mich ebenfalls.

Seine kleine hand, Charlie Ds, kommt ihrer aufwärts entgegen. J.S.W. wird an einen der topdealer ihres vaters erinnert und somit an ihren vater, König Nicholas Wittschen, worauf sie beinahe in lautes geheule ausbricht, trotz der absoluten topprio dieses anderen, alles-überwältigenden gefühles, eben das bedürfniss nach stoff. Die steckenförmige lady kratzt sich am bereits verkrusteten, linken arm, einer von sieben tausend ticks der sie befällt, wenn sie dringend was klar machen muss.

–      Das klingt jetzt etwas absurd, aber falls ich dir kurz die situation, in der ich mich befinde…

–      Uhm, hör zu, Joelle. Es ist nicht so eine grossartige idee, hier draussen im gang zu palavern. Zieht die falschen leute an, die absolut falschen. Aber wenns dir nichts ausmacht, kannst du für ne sekunde reinkommen und mir erklären, was auch immer es zu erklären gibt.

Da sie wesentlich grösser ist ,hat Joelle unberechtigterweise das gefühl von null gefahr. Plus, was für optionen hat sie sowieso, jetzt mal ehrlich? J. „Schnee“ Wittschen kann sich nicht mal entsinnen, in welchem quartier, geschweige denn in welcher strasse, sie sich befindet. Und sie kann auch nicht dieses schreckliche hintergedankenfunkeln in den augen des typen erkennen. Zum glück. 

 

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