Konsequenzen [tl. I]


bureaucracy

Thomas Malone liegt spätnachts wegen dieser wertpapiere häufig mit einem sich verknotenden bauch hellwach im bett. Schweisstropfen auf der stirn wie sterne am firmament. Dann überkommt ihn die vorstellung, wie sich eine monsterwelle von giftigen anlagen vor ihm aufbäumt, höher und immer höher, bis sogar der himmel selbst hinter all den papieren verschwindet und er da steht, im gigantischen schatten eines viel zu grossen risikos, welches auf ihn herunterstürzt. Aber er hätte sich nie gedacht, dass… das hier! In seinem mund ist der geschmack von eisen, er leckt die innenseite seiner offenen wange, das einzige, was er tun kann. Malone weint nicht und er hat noch nicht mal sonderlich gestöhnt, doch die schmerzen sind bereits beinahe unerträglich. Er dachte, es gibt einen schockzustand, in dem man nichts mehr spürt, aber dafür ist er anscheinend ein viel zu verhärteter realist. Dann verschwimmen Malones gedanken unter einer weiteren flut von schmerzen, während das zimmer um ihn herum in absurden farben davonkreiselt.

Alles was jetzt zählt, sind die stricke, d.h die welt hat sich reduziert auf den abschnürenden druck um seine handgelenke. Wenn er doch bloss irgendwie seine hände befreien könnte. Eine weitere anstrengung… schürft seine handgelenke blutig. Es wäre jetzt an der zeit, laut loszuschreien, vielleicht würde ihn irgendwo jemand hören [und etwas unternehmen oder den kopf schütteln und weiterspazieren], aber das wäre eine verschwendung seiner energien und schlechte investitionen hat er in den letzten paar jahren wirklich genug getätigt. Schade, dass sich der freie markt einen dreck um seine gute absichten geschert hat.

Bisher hat er glück gehabt, kann man auf paradoxe art behaupten. Sechs leute waren bei ihm, von denen niemand kaltblütig genug war, sein leben frühzeitig zu beenden. Doch es kommen immer noch mehr und irgendwann wird darunter eine person sein, für die töten nicht auf der liste von undenkbarkeiten steht.

Malone kann diese besinnungslose gewalt nicht einfach so im raum stehen lassen. Er versucht sich zu erinnern, ob es denn irgend jemanden geben könnte, dem er schrecklich auf die füsse getreten ist. Eine entlassung? Nein, das macht die abteilungsleiterin. Zwei affären, ja, aber diese ladies waren singles, das hatten sie nicht nur beteuert, das war jedem detail ihrer mimik bei den dates zu entnehmen. Was noch? Ein konkurrent im business? Nein, unmöglich, dazu kannte er viel zu wenig leute aus rivalisierenden unternehmen und die konkurrenz war dabei nur sehr indirekt. Hätte da jemand eine direkte verbindung zu ihm hergestellt, das wäre zu absurd, zu psychopathisch.

Psychopathisch, das wort macht Malone plötzlich ungeheure angst. Es ist das einzige, welches auch nur im entferntesten zur situation passt, aber zugleich auch das hoffnungsloseste. Könnte es nicht sein, dass das hier einfach irgendeine absolut verrohte untergrundveranstaltung für sadisten ist… T. M spuckt und schreit; weiterdenken will er nicht, denn dieser ansatz ist für ihn zum verzweifeln plausibel.

Er wird ganz still, denn er ist an einem brennenden ufer angelangt. Es stimmt, es stimmt, verflucht, es ist wahr: die hölle, das sind wirklich die mitmenschen. Wie viele brutale fremde befinden sich noch hinter dieser tür? Malone hofft auf die harmlosen spucker und flucher.

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Durch das gespiegelte glas hindurch kann man erkennen, dass die erste teilnehmerin immer noch bewusstlos ist. Name: Christina Negri. Weiblich, frühe vierzig, schlank, zerzaust vom schlaf im freien, nach wie vor attraktiv, langes schwarzes haar, durchgetragene, braune manchesters, eine violette bluse, ein gesamter, den finanziellen zeiten angepasster, kleidungsstil, abgesehen von den neuen joggingschuhen. Da wo sie herkommt, gibt es noch viele andere, in der selben beschissenen situation, d.h. zur zwangsvollstreckung betrieben und somit neulinge im harten überlebenskampf.

Anfangs hatte Mdm Negri noch verzweifelt versucht, die sache rechtlich zu regeln, oder die behörden dazuzubringen, ihr finanziell unter die arme zu greifen. Es war der bürokratischen maschinerie aber offensichtlich nicht möglich, auf das argument, dass sie eine familie durchzubringen hat, einzugehen und das geld wurde, in seinen millionen, sowieso schon anderweitig als finanzpakete benötigt. Eine weile spielte C.N. sogar mit dem absurden gedanken an bombendrohungen. Sie wusste, dass sie sicherlich nicht dazu in der lage ist, aber der gedanke alle verantwortlichen stellen in die luft zu jagen, war immens befriedigend.

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2 Responses to Konsequenzen [tl. I]

  1. Alecia says:

    I am extremely impressed with your writing talents as neatly as with the structure on your

    weblog. Is that this a paid topic or did you customize it

    your self? Anyway stay up the nice high quality writing, it’s

    rare to look a nice blog like this one nowadays..

  2. tmabona says:

    Thanks! Just saw this comment today. Two years later 😉

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