TICK TOCK [Luzern is RAV, pt.III]


The_Mad_Hatter

–      Und sie sind herr?

–      Oh. Fanon. Ich bin Benedict F. Fanon. Ich treffe heute frau…. ‘tschuldigung, der name ist mir gerade entfallen, ich bin ganz schlecht mit namen. Fast schon peinlich.

–      Kein problem. Fanon? Ich schaue kurz nach. …. da stehts, büro#12, frau Theiling. Sie können schon mal rein gehen.

–      Macht es ihnen was aus, wenn ich mir ein paar hiervon nehme? (die formulare zum nachweis der persönlichen arbeitsbemühungen)

–      Bitte, bedienen sie sich.

Die tatsache, dass sie wirklich gut aufgelegt war, trotz der institutionell, finsteren umgebung, farblich als auch in bezug auf die seelenzertrümmerten leutchen, die hier den ganzen tag ein- und auswanderten, diese gute laune, überraschte mich immer wieder aufs neue. Ich denke dann jedes mal: ja, so will ich auch sein, emotional unbeeindruckt von meiner ganzen umgebung, genährt durch ein inneres feuer, welches niemand verstehen kann. Aber so ist es nun mal nicht ganz: mein grundzustand ist einer, der leicht überdrüssigen, ontologischen zufriedenheit, was sich gut anfühlt, aber ein anderes ‘in der welt sein’ als das ihre ist. Ja, ein ‘Sieg Heil’ auf die individualität!

Die admin dame war bereits wieder am telefon, aber mit ihrem kopf nickte sie in richtung des büros. Mich meiner rolle als arbeitsloser bewusst, latschte ich gemütlich ins büro hinüber, mit einem gang so aufrecht und einem gewissen schuss lebensfreude, dass auch noch der dümmste gleich wusste: da ist einer, der ist schon lange nicht mehr 40 stunden pro woche an einem bürotisch vergammelt. Das büro war geräumig. Genau, diese büros für die stellensucheberater sind richtig geräumig, sodass es eigentlich jeder und jedem relativ schwer fallen dürfte, nicht zu denken, dass vatter staat nur am wohle seiner noch so undankbarsten kinderlein interessiert ist.

Die aussicht verspeiste mich normalerweise bei lebendigem leibe: man sieht die grünen, mit wohnblöcken übersähten hinterhügel von luceria, die mittelalterliche mauer, die sich die steigung hinaufkämpft, sich um den alten, pitoresken teil der stadt wickelt, wie eine turmverzierte halskette. Unten rechts davon fliesst der fluss, ein paar schaumkronen, eine riesige baustelle, übquert von holz- und betonbrücken, die zwei unzusammenpassende teile der kleinen stadt miteinander verbinden. Ganz rechts, wird die sicht von der hässlichen felswand abgeschnitten: kleine wasserläufe, die die wand in fauligen, grünbraunen, pfaden hinunterlaufen.

Aber dieses mal ergözte ich mich nicht an diesem panorama, sondern untersuchte in einem letzten, verzweifelten effort die fensterscheiben selbst: falls das TICK-TOCK-TICK-TOCK-TICK-TOCK ein bestandteil der realiät war, dann sollten diese glasscheiben zumindest ein klein wenig mitvibrieren. Ich konnte nichts sehen, also legte ich meine hand auf die kühle scheibe. Immer noch nichts. Ein seufzer. Es lag also an mir. Ich wurde langsam wahnsinnig. Ich musste entweder mit der unversöhnlich lauten uhr zu leben lernen oder an bord des narrenschiffs gehen, obwohl keine der beiden optionen mir sonderlich zusagte. Ich hatte mich mir immer als gesunder, sportlicher, intelligenter, witziger mensch in seinen frühen 30ern vorgestellt. Voller hoffnung/potential/träume u.s.w. Tja, dieses selbstbild würde ich wohl eine stufe nach unten korrigieren müssen.

Dann erfasste etwas am äussersten rand meines sehfelds meine aufmerksamkeit und ich drehte mich nach rechts. Gerade unterhalb des fenstersimses, auf höhe meiner knie, befand sich eine kleine, rostige klinke. Ich drehte mich um, um zu sehen ob Frau Theiling schon hereinkam, fehlanzeige. Rasch beugte ich mich hinunter und zog an der klinke, worauf sich ein zwergengrosses türlein quitschend öffnete. Dahinter befand sich eine metallische….ich beugte mich weiter vor und hinein… eine rutsche oder ein tunnel, dessen durchmesser ungefähr das doppelte meiner hüften mass und steil nach unten schoss, nicht wie ein abgrund, aber genügend gefälle dass, wäre da nicht die schwärze gewesen, die alles nach wenigen metern verdunkelte, ich einen veritablen schwindelanfall gehabt hätte.

Das elende ticken erklang von dort unten. Mein handlungsspektrum reduzierte sich schlagartig auf ein todesmutiges wagnis: mich die rutsche hinunterzustürzen!  Arbeitslosenkassesanktionen hin oder her. Ich warf einen letzten, pathetisch wehmütigen blick auf luceria, zwängte mich ungelenk in die röhre und rutschte abwärts ins schwarze nichts.

Die ersten paar meter waren langsam, also hatte ich noch gelegenheit mich zu besinnen und ein wenig zu spekulieren, was hier genau vor sich ging. Zuerst war ich dazu entschlossen zu denken, dass es sich einfach um eine verlassene, helvetische militärverrücktheit handelte, das heisst, einer der unzähligen tunnel, die während der defensiven panik des zweiten weltkrieges in den fels gebohrt wurden… aber würden sie dann in ein RAV büro führen? Als nächstes zog ich in betracht, dass regierungsangestellte privilegien geniessen, welche sich der normalbürger schlicht und ergreiffend nicht vorstellen kann. Also würde diese rutsche, um ihr den alltag auf absurde weise zu erleichtern, schlussendlich einfach auf ein flecklein neben dem parkplatz meiner beraterin münden.

Und während ich beschleunigte, legte das TICK-TOCK-TICK-TOCK-TICK-TOCK sogar noch an volumen zu, bis an einen punkt, an dem ich dachte, dass ich es nicht mal mehr hören können sollte, weil es schon längst mein schneckenmässiges innenohr zerstört haben sollte. also Ich erlaubte mir eine letzte vermutung: dass dieser sich steil windende tunnel von der “Alice im wunderland” sorte war und mich in eine komplette fantasiewelt hinausspucken würde, ein ort voller abenteuer. Obwohl dies natürlich leider auch bedeuten würde, dass ich tatsächlich absolut geisteskrank war.

 

Begleitet vom gleichbleibenden takt des flüchtigen metronoms, schraubenzieherte ich in die tiefen jenes längst vergangenen montags. Schliess- und schlussendlich, wurde ich mit einem klangvollen “SCHLUNGH” in dünne luft gewirbelt, segelte ein bisschen und landete in einem undefinierten haufen von zeug. Die textur dieses zeugs, fühlte sich sehr bekannt an und wenn ich mich bewegte, so bewegte sich auch das rascheln welches es machte. Ich strengte mich an und wälzte mich umher, wie ein unfähiger, bis ich mir zu guter letzt einen weg nach oben gebahnt hatte. Ich war in einem würfelförmigen, schlecht beleuchteten raum, der vor A4 blättern überquoll, gelandet. Hier erreichte das TICK-TOCK-TICK-TOCK-TICK-TOCK sein allerhöchstes volumen.

Ich schnappte mir ein blatt und sah es mir genauer an. In der linken, oberen ecke stand:

Benedict F. Fanon

Tiger Plaza 21

9004 Luceria

benfan@tmail.com

 

CPS Personal AG

Samuel Illi

Kanonenallee 91

70 003 Altra Luna

 

Luceria, 9ter Niemalsuar,  2009

 

–      Ach so!

War alles was ich in meiner überraschung hervorbrachte. Ich durchwühlte die riesige masse an papier, die den raum erfüllte, aber jedes blatt war entweder von der obigen sorte oder es hatte ein logo in der oberen, rechten ecke und ein paar wenige linien, die eine variaton des folgenden waren

“ […] vielen dank nochmals für Ihr interesse an unserem unternehmen. Wir erhielten ein unerwartet grosses volumen an bewerbungen, weshalb es uns möglich war, einen kandidaten auszuwählen, der unserem profil noch besser entspricht. Bitte verstehen Sie das nicht als eine abwertung Ihrer […]  Wir hoffen, dass Sie bald eine Ihren bedürfnissen entsprechende herausforderung finden werden […] „

Aber statt zum tiefsten stand aller zeiten zu sinken, war da etwas an dieser grube des probierens und scheiterns, das mich ermutigte, meine unklugen hoffnungen erneuerte. Es gab ja auch noch das geheimnis des TICK-TOCK-TICK-TOCK-TICK-TOCK, welches gelüftet werden wollte. 

Ich began wie der verrückte hutmacher, der seine taschenuhr sucht, mich durch den berg des papierzeugs zu wühlen, verzweifelt und planlos. Nach wenigen minuten machte sich der aufwand bezahlt: mein fuss stiess unter dem wilden papiermeer gegen ein festes objekt. Ich tauchte in die A4wogen und kam mit einer grossen, grauschwarzen box wieder herauf. Auf der vorderseite war ein riesiges, schwarzes display mit neongelben zahlen.

01 jahr / 08 monate / 23 tage / 09 stunden / 44 minuten / 16 sekunden

 

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