TICK TOCK [Luzern is RAV, pt.II]


luzern-winter-twelve-pano

 

Per zufall stiess ich auf “Mitternachtskinder” und für ein paar flüchtige tage, ergab ich mich der illusion, dass auch ich, wenn nicht mit meinem heimatland und seiner mythologie, dann zumindest mit der geschichte, den grossen bewegungen der menschheit, dem letzten aufstand des postindustriellen proletariat schicksalshaft verknüpft war. Ich würde die hauptrolle spielen. Das unabdingbare ticken, war eine ankündigung der hehren mächte selbst, dass ich mich darauf vorbereiten sollte, meine rolle auf der grössten bühne der welt zu spielen.

In diesem seeligen zustand der absoluten verrücktheit, öffnete ich morgens den briefkasten, halb in erwartung eines dicken, dicken couverts mit meinem heroischen, neomarxistischen skript. Es war eine angenehme fantasiewelt, die höchste form des “als ob”, aber sehr schön solange sie anhielt. Schlussendlich, wurde die ganze sache auf eine andere, etwas alltägliche weise aufgeklärt.

Eines montags, als ich tatsächlich die geistesgegenwart besass, zu realisieren, dass es montag war, der beginn der arbeitswoche, der start des grauenhaften, ewigen zyklus der lohnsklaverei, entschied ich mich, mich zur abwechslung wieder einmal seriös zu verhalten, als ob ich eine anstellung hätte. Also agenda überprüfen. Wie sie sich vorstellen können, war das auffinden dieses, dem wenigst gebrauchten und meist missbrauchten objekt aus dem kleinen inventar meiner besitztümer, eine höllenaufgabe. Folglich beanspruchte dies den hauptteil eines morgens, welcher ansonsten mit süffiger lektüre zugebracht worden wäre. Als ich sie zu guter letzt, selber dem kollaps nahe, nach diskorauch, fussballfeld und wochen von schweiss duftend, ganz unten im wäschekorb entdeckte, öffnete ich die agenda mit der besorgnis, dass ein bedeutender termin vor der tür stand, den ich, im gegenzug für die selbstvergessenheit dahindriftender tage, willentlich vergessen hatte.

Ich blätterte von einer woche zur nächsten.

Jene von anfang jahr waren tatsächlich voller termine und to-do listen und die vorstellung, einen ganzen tag durchorganisiert zu haben, mit dingen, die man erledigen sollte, erschien mir in meinem zustand der nonlinearität als etwas äusserst bizarres. Es war, als ob ich versuchte, die schriftzeichen einer ausserirdischen zivilisation zu entziffern, ausser, dass ich genau wusste, dass ich einst mitglied dieser zivilisation war. Wie ich meiner gegenwart entgegenblätterte, entleerten sich die seiten rapide, sodass alles was letztenendes noch übrig blieb, die ausgehöhlte wiederholung der wochentage war: montag, dienstag, mittwoch …. sonntag.

Schliesslich erreichte ich den besagten montag und musste zu meinem schrecken feststellen, dass dort tatsächlich ein termin niedergeschrieben stand, blau auf weiss: 10:15 RAV. Das RAV kann manchmal etwas rough sein. Die idee ist die folgende: vertrauen ist nicht gut, kontrolle ist gut. Also trifft man sich mit seinem berater, der einem in 8 von 10 fällen überhaupt nicht helfen kann, von wegen armee der reservearbeitskräfte etc. Selbstverständlich kommt es bei diesen treffen nicht zum ideologischen austausch, genausowenig wie bei den anderen staatlich gesponserten foren, workshops, und s.w. Stattdessen wird einem subtil oder weniger subtil der vorwurf vermittelt, dass man ein gesellschaftlicher parasit sei (stell dir vor eine an der kopfhaut saugende zecke zu sein, was für eine wohltat fürs ego) und dass man sich zu ändern hat, mehr bewerbungen schreiben soll, sich mehr anstrengen muss, ein breiteres lächeln tragen sollte, sich ja eigentlich auf den strich begeben könnte, beichten und sühne tun soll, koste es was es wolle, was dann doch ziemlich ideologisch daher kommt. Der harte teil ist die nutzlosigkeit der ganzen übung für leute bei denen mehr als 50% der hirnfunktionen noch intakt sind.

Wie dem auch sei, das war mein los für diesen tag. Ich machte mich also auf ins aussengebiet unserer stadt, der heruntergekommensten strasse weit und breit, wo ich den hügel zur steilen klippe, gegen die sich das RAV-gebäude wie eine moderne leprakolonie schmiegt (muss man gesehen haben ums zu glauben) hinauf krabbelte, um dort ein paar floskeln bezüglich meiner bereitschaft weitere bewerbungen zu schreiben und ihre kenntnisnahme/ermutigungen dieser anstrengungen austauschte. Ad nauseam. Manche würden einem am liebsten innerhalb von fünf sekunden einen telemarketing job aufhalsen, aber man findet wege, diese grässliche alternative ein paar monate zu umgehen, bevor man sich den titaniumharten bedingungen des jobmarktes beugen muss.

An dem besagten morgen hörte ich, laut wie eh und je:  TICK-TOCK-TICK-TOCK-TICK-TOCK, das vorwärtsschreiten des unkennbaren chronometer, meine persönliche einspleissung in eine imaginäre geschichtsschreibung, die ich noch entdecken musste, um darin ein authentischer akteur zu werden. Ach ja! Da geschah etwas unerwartetes. Wie ich so im trolleybus sass und dieser am ufer des dunkelgrünen flusses entlang richtung RAV rauschte, wurde das ticken lauter und lauter. Das liess mein herz höher schlagen und stimmte mich optimistisch, dass ich der ganzen sache doch noch auf den grund kommen würde. Ich drehte meinen kopf in richtung unserer mittelalterlichen festungsmauer und deren türme, da ich dachte, dass sie mehr als genug symbolisch für unsere stadt [und somit meine existenz] sind, um die hüter der geheimen uhr zu sein. Aber wir fuhren an ihnen vorbei, ohne die eindringlich dopplernde zu- und abnahme der tonhöhe, welche meine vermutung bestättigt hätte.

Ein paar minuten später, als ich in richtung der grauen, hässlichen, abfallübersähten klippe, welche das RAV ankündigt, hinauf kraxelte, nahm der regelmässige hall des mystischen metronoms immer noch zu, lauter und noch lauter, bis zu einer donnerknallenden lautstärke, sodass ich sogar eine weile still stand um mich umzublicken. In erster linie um mich zu vergewissern, dass ich, armer Ben, tatsächlich der einzige war, der diesen rythmischen höllenlärm hören konnte und zweitens, um zu sehen, ob ich mir unbemerkt die ohren zuhalten konnte.

Es ist ein verlassenes teilstück, abgesehen von ein paar lehrlingen, die sich in eine bunkerartige konstruktion just unterhalb des strassenlevels zwängen, wo sie im halbschatten einer verworrenen hellraumfolienpräsentation über betonoberflächen-schlussbearbeitung oder strukturelle baustahlmontage oder die grundlagen des ausspachtelns oder sonstwas folgen. Von dort blicken sie ab und zu verstohlen in richtung der kleinen fenster am oberen ende der linken wand hoch, wo sie vielleicht die füsse, beine und hüften vorbeigehender stellensuchender sehen, ein schicksal welches sie mit ihren bemühungen, in diesem düsteren raum, tunlichst zu vermeiden versuchen.

Ich stieg die treppen zum betreffenden vierten stock hoch und betrat die grau-in-graue einöde. Die dame welche am empfang daten eintippte, ihr gesicht versehen mit eine professionellem lächeln, blickte unbekümmert in die weltgeschichte hinaus, also wusste ich, dass sie sicherlich nicht das betäubende ticken hören konnte.

Advertisements

About tmabona

writer, reader [bolano, DW, bellow, deLillo], runner, badmintoneer
This entry was posted in Luzern. Bookmark the permalink.

One Response to TICK TOCK [Luzern is RAV, pt.II]

  1. tmabona says:

    ????

Reply disabled

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s