TICKTOCK [Luzern is rav / pt.I]


Clock

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hörst dus auch?

Ach, was für eine dumme frage, natürlich kannst dus nicht hören. Aber am anfang wusste ich das noch nicht. So gehts doch normalerweise: man startet mit einer gesunden dosis gutem willen und glaube an die welt, ist überzeugt von diesem oder jenem ideal, aber dann, sobald wir uns in den wilden westen der realität begeben und wenn, was unseren eigenen zählstand anbelangt, das siege:niederlagen verhältnis sich nach rechts zu verschieben beginnt, realisieren wir, oder, um genau zu sein, realisiere ich, dass mein guter wille, meine hohen hoffnungen und grossen erwartungen vielleicht von anfang an fehl am platz waren. Aber in diesem fall, von dem ich hier zu berichten weiss, war nicht die welt an allem schuld, wie ich mir das sonst so gerne ausmale, sondern gar niemand, es gab und gibt keine legitimen schuldzuweisungen.

–      Hören sie es auch?

fragte ich, aber die leute sahen mich nur verwirrt an

–      Was auf erden meinen sie denn? Der verkeher? Die vögel? Das rauschen des blutes, wenn ich meine ohren abdecke? Nein, ehrlich gesagt höre ich nichts besonderes.

Aber ich hörte es. Es kam von jenseits des horizonts, unheilverkündend und laut und beharrlich, sodass ich nicht umhin kam andere leute zu fragen, egal wie verrückt ich mich anhörte. Und scherzbolde erwiderten

–      Was? Es? Sie, die kleinen stimmen, nein, nur du hörst sie.

Aber ich fand die sache überhaupt nicht zum lachen. Was ich hörte, klar und deutlich, war ein ominöses  TICK-TOCK-TICK-TOCK-TICK-TOCK.

Wir tendieren dazu jedes regelmässige geräusch mit einem tickenden, distinkten ton mit dem vergehen der zeit zu assoziieren, womit es auf eine uhr hinweist. Also wars für mich genau das, das laute ticken einer immensen, bedrohlichen, unsichtbaren uhr, gerade ausserhalb meiner reichweite. Sie zählte das vergehen der zeit bis zu einer kalamität, die ich nicht kennen konnte oder wollte. Aber das hiess nicht, dass ich nicht spekulieren konnte, ja oft scheint mir sogar, dass das ausdenken aller schlimmsten umstände mein einziger daseinszweck sei. Wie wäre es zum beispiel mit einer riesigen, apokalyptischen bombe, meilentief in der erde begraben, die wie wahnsinnig dem jüngsten gericht entgegentickt?  TICK-TOCK-TICK-TOCK-TICK und immer so fort, manchmal fast ganz verstummend. Aber trotzdem immer irgendwie da, präsent, am ticken, teil der allumfassenden textur der realität, dieser schreckliche rythmus, welcher zu meiner grossen beunruhigung die momente zählte.

Das offensichtlichste, was ich hätte tun können, wäre die annahme gewesen, dass ich an einem gehörproblem leide, oder, falls es wirklich schlecht um mich stand, dies eine harmlose variante eines normalerweise viel schlimmeren schizoiden zustandes war. Nichtsdestotrotz, schien mir dieser gedankengang nahezulegen, dass ich meinen hausarzt aufsuchen sollte und, nachdem ich ihn zur sicherheit gefragt hatte, ob er es wirklich nicht auch hören kann, er mich dann an die korrekte psychologische fachkraft weiterleiten konnte.

Ich war der idee, meine psyche untersuchen zu lassen, gar nicht sonderlich abgeneigt, da Sopranos und Freud lektüre mir diese glorifzierte vorstellung, von sitzungen bei der seelenklempnerin (ein zutreffender begriff, wenn man an all die scheisse denkt, welche einem das unterbewusstsein verstopft ) eingeimpft hatte. Insbesondere die vorstellung, mich auf eine riesige ledercouch hinzulegen und stundenlang nur über mich selber zu quasseln, was es denn alles bedeuten mochte und “Ach, ich bin so vorzeigemässig symbolisch/ archetypisch”, etc., diese art von fantasien, waren für mich die hauptattraktion. Das verwöhnen des uralten, kindlichen glauben, dass die ganze welt um einen selbst gebaut ist und ausschliesslich um einen selbst. Ja, auf zum psychoanalysten!

Aber bevor ich auch nur zur zwischenstation meiner hausarztpraxis gelangt war, befielen mich erhebliche zweifel:

A.) Deckte meine versicherungen diese art von kosten wirklich ab?

B.) Was wenn ich wirklich dabei war, den verstand zu verlieren? Wollte ich das wirklich wissen? War es nicht schöner, langsam, glückselig dem irrenhaus entgegenzuwandern, um mich dann mit elektroschocktherapie auseinanderzusetzen, wenn es wirklich an der zeit war? 

C.) Was wenn die therapeutin, wie gemäss fantasie, wirklich heiss war und die sitzungen dazu verkamen, dass ich mich einfach nur in allemöglichen, ungesunden sexuellen fantasien versteigerte, mit dem zusätzlichen masochistischen dreh, dass ich keine chance hatte, bei der therapeutin zu landen (natürlich nur aufgrund ihrer professionellen, ethischen standards, so dass auch sie, insgeheim, unter anfällen von lust und unstillbarem, klitoralem verlangen litt).

D.) Was, wenn da tatsächlich an diesem  TICK-TOCK-TICK-TOCK-TICK etwas dran war und aus welchen unwahrscheinlichen gründen auch immer, ich, Benedict Fanon, die einzige person war, die es hören und somit die welt erretten konnte, oder was auch immer das versteckte metronom von seinem unwahrscheinlichen helden verlangte?

Ach, es gab einfach zu viele offene fragen, welche nicht sonderlich kompatibel mit  seelendoktorsitzungen gewesen wären und also schluckte ich leer, knirschte meine karieszerrütteten beisser und entschied mich dazu, der sache selber, wenn auch inkompetent, auf den grund zu gehen. Ob zum guten, oder zum schlechten oder zum unglaublich viel schlimmeren.

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About tmabona

writer, reader [bolano, DW, bellow, deLillo], runner, badmintoneer
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